Der berühmteste, sagen wir besser: der bekannteste Indianer Nordamerikas ist auf dem Wege nach Deutschland, Mitte November wird er zuerst nach München kommen. Ein Mann, dem das weiße Amerika Ruhm wohl niemals zusprechen wird, bestenfalls das Prädikat berühmt-berüchtigt. Denn dieser Mann, der in Europa auf sich und auf einen Film aufmerksam machen will, ist kein Winnetou, kein Stammeshäuptling in der Tradition des Sitting Bull gewesen. Ein Bürgerschreck war Russell Means, und für viele Amerikaner ist er das heute noch.

Schließlich stimmt das ja auch alles: Protestkarawanen, Mordkomplotte, Schlägereien und Krawalle im Gerichtssaal hat er angezettelt, im Knast ist er gewesen, gesoffen hat er, Frauen hat er reihenweise gehabt und wieder verlassen, Kinder gezeugt und auch verlassen. Und überdies gehört er doch zu jener gefährlichen Sorte militanter Zeitgenossen, die unter dem Deckmantel ethnischer Interessen im Begriff sind, die große amerikanische Nation zu zertrümmern.

Russell Means unterhält in Los Angeles im schönen Stadtteil Santa Monica ein Appartement. Er kann sich das jetzt leisten. Hollywood hat ihn entdeckt - so wie er, wie er sagt, den Nutzen der Filmindustrie für die Sache der Indianer entdeckt hat. "Der letzte der Mohikaner" war sein erster großer Erfolg, dann hat er in "Pocahontas" dem Vater der schönen, überzeugungsstarken Indianerfrau seine kräftige Stimme geliehen. Für "Pocahontas", die jüngste Walt-Disney-Produktion, schickt ihn nun die Filmgesellschaft auf Werbetournee nach Europa. Means hat damit kein Problem. Schließlich verkörpere Pocahontas, sagt er, auf ideale Weise die beherrschende Rolle der Frau in der Indianergesellschaft. Durch ihre Überzeugungskraft bewege sie den Vater, den Häuptling, mit den Weißen Frieden zu schließen. "Die Kinder der Welt lernen jetzt mein Volk kennen - und sie werden mit Aim bekanntgemacht."

Aim, American Indian Movement - das war in den turbulenten siebziger Jahren sein Kampfinstrument. Mit Aim hatten Russell Means und andere radikale Indianerführer im Februar 1973 die Besetzung von Wounded Knee, einer kleinen Ortschaft in Süddakota, organisiert. Über zweihundert Sioux-Indianer hatten mitgemacht. Wieder einmal sollte eine dramatische Aktion das Gewissen der Nation wachrütteln, auf die Misere der Indianer verweisen. Wounded Knee war Symbol. Dreihundert Sioux-Indianer, überwiegend Frauen und Kinder, waren 1890 hier von Kavalleriesoldaten ermordet worden, in der letzten Indianerschlacht zur Befriedung des amerikanischen Westens, wie es später hieß.

Während der Besetzung gab es Tote und Verwundete. Es wurde viel geschossen, und die Medien kamen 71 Tage lang auf ihre Kosten. Ein langer Prozeß folgte. Means und seine Genossen wurden der Verschwörung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt angeklagt, waren aber nicht in Haft. In einem baufälligen Haus in St. Paul, Minnesota, damals Aim-Hauptquartier, fand ich sie bei einer Strategiesitzung um einen wackeligen Tisch versammelt - bis auf Russell Means. Der lagerte, seine Führungsrolle bekräftigend, auf einer Matratze in der Ecke des Raumes, das schwarze Haar rechts und links zu Zöpfen geflochten, die wie zur Verlängerung in Lederschlaufen steckten. Stickereien auf Gürtel und Lederarmband. Er ist noch heute so gekleidet.

"Sie werden uns alle töten", sagte er mir damals. "Bis zum 4. Juli 1976, wenn sie (die Amerikaner) ihren Geburtstag feiern, werde ich ein toter Mann sein." In seinem Appartement in Santa Monica erinnerte ich ihn jetzt daran. Er hatte ja kaum übertrieben. Zwar waren die Aim-Führer im Wounded-Knee-Prozeß freigesprochen worden, weil Staatsanwalt und FBI-Agenten mit Meineid und gekauften Zeugen falsches Spiel getrieben hatten, doch Means hatte sich eben zu viele Feinde gemacht. Mehr als zehn Anschlägen, darunter einem durch die Sandinisten in Nicaragua, wo er die Mißhandlung der Moskito-Indianer dokumentieren wollte, ist er mit viel Glück entgangen. "The Great Mystery" (sein Gott), so glaubt er, "hat für mich einen Lebensweg entworfen, und ich hoffe, daß ich das Ende auch erreichen werde."

Andererseits gab es eine stattliche Anzahl von Leuten, die Russell Means gern ins Nirwana befördert hätte, FBI-Beamte zum Beispiel, Hauptzielscheibe unter den verhaßten "feds", seine verächtliche Abkürzung für Bundesbeamte. Wäre er 1976 in einem Mordprozeß schuldig gesprochen worden - er hatte die Tat nicht begangen -, wären er und seine Kumpane gerüstet gewesen, die Geschworenen, den Richter und den Staatsanwalt zu erschießen und alle Frauen im Saal in Geiselhaft zu nehmen. Means wollte den Märtyrertod sterben.