Es war einmal, und ist wohl immer noch, in Berlin ein gewaltiger Senator namens H. Haase. Selbigem fiel die Ehre zu, die Hauptstadt kanzlerfein zu machen, gleichwie es im Adventslied heißt: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit / es kommt der Herr der Herrlichkeit. Haase tunnelt und überbrückt, bis die Spree bergauf fließt. Vor allem aber schenkte er Berlin zum 1. November, was der Stadt am nötesten tat: ein demokratisches Straßennetz. Danke, auch im Namen der Stadtplan-Firma Falk (jetzt 59. Auflage).

Und es gibt Erfolge! Bereits am 4. November fiel in der Danziger, ehemals Dimitroffstraße, Schnee, was der SED-Diktatur so früh in vierzig Jahren nicht gelungen war. Jubelnde Kinder! In der Otto-Braun-, vordem Hans-Beimler-Straße, küssen sich wieder die Paare. Die Kniprode-, vormals Artur-Becker-Straße, verzeichnet seit dem 1. November kaum Verkehrsunfälle. Damit wir aber über all dem Schönen die Wachsamkeit nicht vergessen, ein Blick in die Dorotheenstraße (bis 31. Oktober in den Klauen der Altkommunistin Clara Zetkin, jetzt benannt nach Dorothea Lietzau, Eheweib des 1964 gestorbenen Perleberger Superintendenten Bruno L.). In Nr. 90 residiert nach wie vor das "Café Clara". Wir fordern: "Dorotheenstüb'l" oder Schließung!

Umfragen zur demokratischen Umtaufe erbringen das übliche PDS-Gesafte, man könne doch "nicht alles ungeschehen machen", "nicht die ganze DDR-Geschichte wegradieren" etc. Entsetzt hat uns allerdings die Haltung eines jungen Menschen: Ick rücke doch dem Haase ooch nich uffe Bude und nenn seine Olle um! Frau Haase in einem Atemzuge mit der Zetkin - das ist nicht "Berliner Schnauze", das ist Kommune, Leninismus, Asien!

Formal fallen Straßenumbenennungen ins Ressort der Stadtbezirke. Aber was, wenn, wie geschehen, die Stadtbezirke einfach nicht umbenennen wollen? Wir Ostler haben seit der Wende zwar gelernt, uns die Schuhe zuzubinden und wie man fast ohne zu kleckern Döner ißt, aber von Demokratie verstehen wir so viel wie der Haase vom Igel. Da brauchen wir einen Klaps und westliche Führung. Daß wir auch selber Fähigkeiten in die Einheit mitzubringen haben, bewies letzten Samstag in "Wetten daß?" der Rentner Erich (!) Schwarz (69) aus Schnepfenthal/Thüringen. Wettkandidat Schwarz zeigte sich imstande, trotz einer Rückgratverkrümmung binnen drei Minuten neunzigmal an den oberen Türrahmen zu treten. Als Thomas Gottschalk seinen Stargast fragte, ob er Thüringen grüßen wolle, stieß Erich, obzwar sprachgestört, hervor: "Nürnberg!" Dafür gab's 4000 Mark.

Dennoch bleiben Fragen. Ist es möglich . . .

1) . . . die zur DDR-Notzeit aufgezwungene Artur-Becker-Medaille künftighin als Ritter-Hinrich-von-Kniprode-Medaille zu tragen?

2) . . . jenen Ostberliner Busfahrer dingfest zu machen, der notorisch ausruft: "Nächste Station: Leninplatz der Vereinten Nationen!"?