Um 15 Grad gekippt streben die beiden Hochhaustürme, sich einander zuneigend, in den Madrider Himmel. 104 Meter und 27 Stockwerke hoch - der Frankfurter Messeturm bringt es auf 256 Meter -, fehlte ihnen fürs Zusammenstoßen noch einmal die dreifache Höhe. "Wir sind nicht die größten und nicht die höchsten", sagt Juan Cervigón, Generaldirektor des Besitzerunternehmens Produsa, "aber die einzigen mit schrägen Hochhäusern." Seit Herbstbeginn stehen sie bezugsfertig da, die Türme der Puerta de Europa, des Europa-Tors, und warten auf die ersten Mieter.

Damit es die Zwillingstürme zu sicherem Stand und Vollendung bringen konnten, mußte nicht nur die Schwerkraft überlistet, sondern auch einer der größten spanischen Wirtschaftsskandale überstanden werden. In dessen Folge stand die Puerta de Europa zwei Jahre lang als Bauruine da, bevor Ende vergangenen Jahres wieder Handwerker zum Weiterbau anrückten. Doch die fertigen schwarzverglasten, mit Stahl und Aluminium verschnürten Bauten nach dem Entwurf des New Yorker Architekten John Henry Burgee sind "das Emblem des modernen Madrid", findet Produsa-Chef Cervigón.

Im August 1990 hatten an der Plaza de Castilla die Bauarbeiten für das Projekt "Torres KIO" begonnen. Die KIO-Türme waren nach dem Kürzel für das Londoner Kuwait Investment Office benannt, dem wichtigsten Bauherrn. In den Jahren vor dem irakischen Überfall auf ihr Land hatten die Kuwaiter eine Menge Geld zur Verfügung. Und das versuchten sie über das Staatsunternehmen KIO gewinnbringend in Europa anzulegen. Der quicke katalanische Geschäftsmann Javier de la Rosa hatte es nicht schwer, die Araber von den Vorzügen größerer Investitionen in Spanien zu überzeugen, das sich damals in einer aufregenden Boomphase befand. Als Repräsentant von KIO in Spanien kaufte de la Rosa, den die spanische Presse gern bei seinen Initialen J. R. nennt, ein verschachteltes Firmenimperium aus Chemie-, Papier-, Nahrungsmittel- und Dienstleistungsunternehmen zusammen, das er unter dem Dach der Gruppe Torras organisierte. Dazu gehörte auch eine Beteiligung an der Immobilienfirma, die die spätere Puerta de Europa hochziehen wollte.

Acht Jahre herrschte Sonnenschein in der Beziehung zwischen dem Investor KIO und dessen spanischem Verwalter de la Rosa. Doch Mitte 1992 kündigten die Kuwaiter die Zusammenarbeit mit dem Finanzjongleur auf. Sie hatten entdeckt, daß die schillernde Unternehmensperle Torras von innen in Wirklichkeit faul war und nichts als Verluste einbrachte. Ende 1992 mußte Torras sämtliche Zahlungen einstellen. Nach späteren Berechnungen von KIO hatte das Firmenkonglomerat bis zu diesem Zeitpunkt rund sechs Milliarden Mark Verlust eingefahren. Das größte Industrie-Fiasko der spanischen Geschichte war eingetreten - der Baustopp an den Madrider Zwillingstürmen war da nur eine beiläufige Konsequenz.

Für das Torras-Debakel machen die Kuwaiter allein Javier de la Rosa verantwortlich. Sie vermuten, daß er sich als ihr Manager mit beiden Händen vor allem selbst bedient hat - jetzt fordern sie 1,2 Milliarden Mark von ihm zurück. Doch die Ermittlungen der spanischen Justiz in Sachen J R. kommen nur zäh voran. Erst ein vergleichsweise kleiner Skandal um die Finanzierung eines Freizeitparks an der Costa Brava brachte de la Rosa Ende vergangenen Jahres für vier Monate in Untersuchungshaft. Was immer der Katalane angefaßt hat, ist nach einiger Zeit mit großem Getöse zusammengebrochen - schon Mitte der achtziger Jahre hatte er die Banesto-Tochterbank Garriga Nogués in den Konkurs geritten.

Bis zur endgültigen Aufklärung seiner diversen undurchsichtigen Geschäfte bewegt sich de la Rosa als freier Mann durch Spanien. Und er macht weiter Schlagzeilen wegen seiner Kontakte mit anderen spanischen Skandalfiguren wie dem Exbankier Mario Conde, die dem Geraune über eine Verschwörung gegen den spanischen Staat neue Nahrung geben.

Die Torres KIO - hochaufragend, schief, unvollendet - repräsentierten unterdessen in kaum zu überbietender Symbolik eine gewisse Art spanischen Wirtschaftens während der Nach-Franco-Zeit: den pelotazo, das Geschäftemachen ohne unternehmerische Weitsicht, nur auf die schnelle Pesete aus.