Bankenwelt in Aufruhr: Erst kürzlich schlossen die Notenbanken der Vereinigten Staaten und Japans eine Art Beistandspakt, der den lange befürchteten Supercrash in der undurchsichtigen fernöstlichen Finanzbranche zu bannen schien. Doch in der vergangenen Woche schossen die amerikanischen Aufseher so scharf gegen eines der großen japanischen Geldinstitute, die Daiwa-Bank in Osaka, daß deren Chefmanager nur die Flucht in die Arme der Konkurrenzbank Sumitomo bleibt. Auch Finanzminister Masayoshi Takemura, der im jüngsten Skandal alles andere als eine gute Figur abgibt, ist überzeugt: Daiwa, immerhin Japans zehntgrößte Geschäftsbank und die einzige, die Pensionsgelder verwalten darf, kann allein nicht überleben.

Die Alarmglocken in Tokio begannen spätestens am Freitag vergangener Woche zu läuten, als die amerikanische Bankenaufsicht ihre drakonischen Strafen verkündete. Nur neunzig Tage Zeit wurde den Daiwa-Managern gegeben, um ihr gesamtes Amerikageschäft einzustellen und das Land zu verlassen. Die japanischen Banker erwirtschafteten mit ihren Filialen in New York und Los Angeles bisher ein knappes Sechstel ihrer weltweiten Gewinne. Wegen Verschwörung, Betrugs und Irreführung amerikanischer Behörden sind die Bank und führende Manager von Daiwa - nicht zu verwechseln mit der Investmentbank Daiwa Securities - außerdem vor einem Strafgericht angeklagt. Die Anklageschrift umfaßt 24 kriminelle Vorwürfe; es drohen Geldstrafen von bis zu 1,3 Milliarden Dollar und für den früheren New Yorker Geschäftsführer, Masahiro Tsuda, sogar Haft von bis zu acht Jahren.

Im Zentrum des Skandals stehen 1,1 Milliarden Dollar Verluste, die angeblich ein einzelner Bankangestellter der Daiwa-Filiale in New York, Toshihide Iguchi, durch nicht genehmigte Anleihegeschäfte über einen Zeitraum von elf Jahren verursacht hat. Kaum zu glauben, auf jeden Fall aber Indiz für eine sagenhaft schlampige interne Kontrolle bei Daiwa sind auch die weiteren Details: Um die Riesenverluste zu kaschieren, verkaufte Iguchi heimlich Anlagepapiere, die der Bank und ihren Kunden gehörten, und fälschte insgesamt 30 000 Dokumente, damit seine Betrügereien nicht aufflogen.

Iguchi sitzt mittlerweile im Gefängnis und kooperiert mit den amerikanischen Behörden, die sich besonders daran stören, daß sie erst viele Wochen nach dessen Geständnis am 24. Juli dieses Jahres gegenüber seinen Vorgesetzten von der Schieflage erfuhren - nämlich am 18. September. Was in der Zwischenzeit alles geschah, davon wird in der kommenden Gerichtsverhandlung vor der New Yorker Grand Jury oft die Rede sein. Fest steht aber wohl schon, daß das Daiwa-Management dem Federal Reserve Board wissentlich eine Bankbilanz per 31. Juli schickte, die keinerlei Spuren des Milliardenverlustes aufwies.

Dennoch mußten die Iguchi-Löcher in den Konten der Bank schnellstmöglich mit existierenden Mitteln aufgefüllt werden. Dies soll, so behauptet jedenfalls die Staatsanwaltschaft, über betrügerische Geschäfte mit der Tokioter Daiwa-Dependance erfolgt sein. Da hierbei angeblich gefälschte Dokumente auch direkt aus Japan eine Rolle spielten, wird - so recht nach dem Geschmack der Amerikaner - "globale Konspiration" angenommen.

Aber dann war nicht die gesamte Daiwa-Führung in das böse Spiel eingeweiht. Im August nämlich kündigte eine Prüfungscrew der Internen Kontrolle aus Japan ihr Erscheinen in New York an. Doch die geplante Revision fand nicht statt, weil - so die Staatsanwaltschaft - Sünder Iguchi auf Geheiß seines Vorgesetzten Abwesenheit wegen Urlaub vortäuschte. Tatsächlich soll Iguchi aber in diesen zwei Wochen in der Wohnung des General Managers eine Liste aller seiner betrügerischen Geschäfte angefertigt haben.

Die große Verstimmung der Amerikaner, deutlich geworden durch die ungewöhnliche Härte ihrer Sanktionen, rührt zum großen Teil von einem Detail, dem bislang niemand widersprochen hat. Schon Anfang August ist danach der Chef der Bankenabteilung im Tokioter Finanzministerium, Yoshimasa Nishimura, über die gewaltigen Verluste von Daiwa informiert worden. Ganz im Stil einer verschworenen Japan AG hielt er oder sein Minister es allerdings nicht für nötig, die Kollegen in Washington zu informieren.