Weniges ist für die von Sachzwängen geplagten Regierungschefs so reizvoll wie eine Entscheidung über die Besetzung internationaler Spitzenämter. Da kann man Schicksal spielen, kann durch die Unterstützung des einen Kandidaten einem Amtskollegen einen Gefallen tun, der sich später auszahlt; durch die Ablehnung eines anderen kann man alte politische Rechnungen begleichen - und am Ende dennoch den Richtigen auswählen. Aber so leicht es aussieht, bleibt es doch eine Kunst. Leider haben die führenden europäischen Politiker anläßlich der Bestallung eines neuen Nato-Generalsekretärs bewiesen, wie unzureichend sie in dieser Kunst bewandert sind.

Dabei hätte die Entscheidung nicht schwerfallen sollen. Dänemark brachte seinen erfahrenen, zu beiden Seiten des Atlantiks geschätzten ehemaligen Außenminister Uffe Ellemann-Jensen ins Gespräch; die nordischen Nato-Staaten machten ihn zu ihrem, dem zunächst einzigen offiziellen Kandidaten. Frankreichs Präsident Chirac jedoch verübelte den Dänen den Protest gegen seine Mururoa-Tests und faßte einen seiner inzwischen berüchtigten spontanen Entschlüsse: Er gewann erst den deutschen Kanzler, dann den britischen Premier für einen Gegenvorschlag - den langjährigen holländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers.

Die kungelnden Herrschaften hatten jedoch die Rechnung ohne den amerikanischen Wirt gemacht. Zwar war Washington in der Vergangenheit zumeist bereit, einen von den europäischen Nato-Staaten unterstützten Kandidaten mitzutragen - vorausgesetzt, die Vereinigten Staaten wurden konsultiert, bevor die Europäer sich festgelegt hatten. Daran hat es sträflicherweise diesmal gefehlt. Ganz undiplomatisch tat Außenminister Christopher kund, so lasse Amerika nicht mit sich umspringen, und lud Lubbers und Ellemann-Jensen Ende der vergangenen Woche zum Schnuppergespräch nach Washington.

Die Lage ist nun vertrackt: Für die Amerikaner ist Lubbers nicht akzeptabel, aber sie dürfen es nicht sagen, um die Holländer, vor allem aber den ebenso schnellen wie empfindlichen Chirac nicht zu düpieren; ihr Favorit wäre Ellemann-Jensen, aber sie dürfen sich nicht öffentlich für ihn aussprechen, weil dies die französische Haltung nur weiter verhärten würde. Anstatt, wie dringlich geboten, das Brüsseler Amt zügig mit einer qualifizierten Person zu besetzen und damit dem westlichen Bündnis wieder eine Stimme zu geben, haben die Regierungen sich verhakelt.

Nun ist guter Rat teuer - die Kuh ist auf dem Eis, und niemand weiß, wie sie heruntergeholt werden kann, ohne einzubrechen. Wie kommt die Nato zu einem Generalsekretär, der das Vertrauen aller Mitglieder genießt? Und wie läßt sich vermeiden, daß das Bündnis nur deshalb statt des vorzüglichen Ellemann-Jensen einen Verlegenheitskandidaten kürt, weil Kohl und Major Präsident Chirac einen Gefallen tun wollten?

So unbequem das für Bonn ist: Der einzige, der dem Bündnis aus dieser Klemme heraushelfen kann, ist Helmut Kohl. Sonst meistert er die Außenpolitik mit schlafwandlerischer Einfühlungsgabe, diesmal hatte sie ihn verlassen. Der Kanzler wird Paris zum Einlenken, Holland zur Gesichtswahrung verhelfen müssen. Eine leichte Aufgabe ist dies nicht. Aber es liegt schon ein wenig Gerechtigkeit darin, daß der den Fehler wiedergutmachen muß, der ihn hätte verhindern können.