Groß war der Jubel auf beiden Seiten der Mauer, als das trennende Unikum fiel. Heute, sechs Jahre danach, stellt sich heraus, daß die Mauer geistig noch immer die politische Wirklichkeit prägt: Die PDS, Nachfolgerin der SED, erhielt bei der jüngsten Berliner Wahl im Osten 38,2 Prozent. Von 36 Direktwahlkreisen wurden dort 34 vom PDS-Kandidaten erobert.

Warum ist das so? Ein Teil der östlichen Wähler wählte die PDS vermutlich aus Trotz: So schlecht war das alles doch gar nicht, auch wir haben damals viel geleistet; und ein anderer Teil - zu dem 35 Prozent der Erstwähler gehören - tut dies aus Protest gegen die "arroganten Westler", die glauben, alles besser zu wissen.

Was kann man tun, um zu verhindern, daß diese Verärgerung sich verfestigt? Jedenfalls darf man nicht weiter so handeln wie bisher. Man darf die Andersdenkenden nicht als Bösewichte in die Ecke drängen. Schließlich ist die Partei ja nicht verboten. Wir müssen versuchen, die Motive der Wähler zu beeinflussen, "Abtrünnige" heranzuziehen anstatt sie wegzustoßen. Warum soll die PDS auf Bezirksebene nicht mitregieren?

Und auf Länderebene? Vielleicht wird Mecklenburg-Vorpommern demnächst eine Regierung unter Einschluß der PDS bilden, und in Sachsen- Anhalt hat Ministerpräsident Hoeppner, der mit Duldung der PDS regiert, keine schlechten Erfahrungen gemacht. Eigentlich würde es der PDS recht geschehen, wenn sie in einem Land Verantwortung übernehmen müßte, wenn sie selber mit Arbeitslosigkeit, Überschuldung und anderen Problemen fertigwerden müßte, anstatt nur von Ferne mit dem Finger auf Fehler der anderen zu zeigen.

Im Grunde müßte Deutschland mit dem Problem einer Häretiker-Partei besser umzugehen wissen als irgendein anderes Land. Schließlich haben wir viele Jahrzehnte mit Hilfe von Alleinvertretungsrecht und Hallsteindoktrin die DDR ausgegrenzt, und wenn sich der Wunsch nach Entspannung nicht durchgesetzt hätte, wäre es wohl nicht zur Wiedervereinigung gekommen.

Das Resümee jener Erfahrung lautet: Stigmatisieren ist counterproductive; Feindbilder erzeugen Bedrohungsängste; emotionale Empörung schädigt die Demokratie. Notwendig sind darum Entemotionalisierung und Pragmatisierung.