Friedemann Schrenk, Paläontologe aus Darmstadt, hat nichts Geringeres vor als eine Revolution des Bildes von der menschlichen Evolution. Zusammen mit seinem New Yorker Kollegen Timothy Bromage lud er vergangene Woche die Elite seines Faches nach Malawi ein. Die Forscher rütteln an einigen Dogmen der Paläontologie. "Über vieles, was bisher so sicher schien, muß noch einmal ganz neu nachgedacht werden", resümiert Schrenk das Ergebnis der Tagung.

Die Revolte in Afrika fand hinter verschlossenen Türen statt. Die amerikanische Wenner-Gren Foundation finanzierte das Treffen und bestand auf einer Klausurtagung. Wie die Kardinäle zur Wahl des Kirchenoberhauptes zogen sich die Wissenschaftler zur Beratung zurück.

Seit Jahrzehnten streiten sich die Forscher über Einzelfunde. Paläontologen betreiben klassische Zoologie und reihen in ermüdender Kleinarbeit anatomische Details aneinander. Im Jagdfieber der letzten Jahrzehnte hoben die Forscher neue Arten zuhauf aus dem afrikanischen Boden (siehe DIE ZEIT Nr. 37, 1995). Im Wald der Stammbäume finden sich selbst Experten kaum noch zurecht. Damit soll jetzt Schluß sein. Nicht mehr die prähistorischen Stars sollen ins Scheinwerferlicht treten, Schrenk will die ganze afrikanische Bühne des vorgeschichtlichen Dramas ausgeleuchtet wissen. Wie sah die Umwelt aus, in der sich die ersten Menschen behaupten mußten? Was verraten geologische Prozesse und klimatische Veränderungen über die Entstehung des aufrechten Ganges, das Wachstum des menschlichen Gehirns, kurz: das Rätsel der Menschwerdung?

Die Botschaft, die der Darmstädter verkündet, ist im Grunde nicht neu. Schon Schrenks Lehrer Phillip Tobias, Professor an der Witwatersrand- Universität in Johannesburg, hatte immer wieder gemahnt, Afrika als Einheit zu betrachten. Daß es nun gelungen ist, die konkurrierenden Fossiljäger an einem Tisch zu versammeln, ist das eigentlich Besondere an dieser Tagung.

Die Paläoanthropologen sind alles andere als friedlich kooperierende Forscher, die Geschichte ihrer Disziplin ist von Auseinandersetzungen und Mißtrauen geprägt. In den siebziger Jahren mischten sich Molekularbiologen in den Streit um die menschlichen Ahnen ein. Ihre Daten wiesen darauf hin, daß der letzte gemeinsame Vorfahre von Affen und Menschen vor sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika gelebt hatte. Bei den Paläontologen erregten die Daten Stürme der Heiterkeit. Sie nahmen eine Trennung der beiden Linien vor mehr als zwanzig Millionen Jahren an. Erst auf einer Konferenz in Rom wurde im Mai 1982 eine Annäherung der Positionen erkennbar. "Die Veranstaltung war nicht öffentlich, beeinflußte das Verständnis der Menschwerdung aber enorm", erinnert sich der Pariser Paläontologe Yves Coppens.

Schrenk und Bromage wollten mit der Tagung in Malawi noch einen Schritt weiter gehen. Bereits in den letzten Jahren hatten geologische Daten und die Befunde von Klimakundlern, ökologische Studien und technische Fortschritte bei der Datierung von Funden so manchen Streitfall klären helfen. Doch nur zögernd blickten die Forscher über den Tellerrand ihrer Disziplin. Entscheidende Hinweise ergaben sich eher zufällig. Schrenk zieht daraus seine Konsequenzen. "Wenn man Erfolg haben will, darf man Klimaforscher und Geologen, Experten für Ökosysteme, Geographen und Anatomen nicht länger als wissenschaftliche Handlanger behandeln. Wir müssen zusammenarbeiten, einsehen, daß sich das Bild der Paläontologie gewandelt hat."

Erst wenn man die Puzzlestücke aus den unterschiedlichsten Disziplinen zusammenfügt, schärft sich langsam der Blick ins Album der Menschheitsgeschichte. So hatten die Forscher jahrelang gerätselt, warum sie in Ostafrika zwar auf die Spuren menschlicher Vorfahren stießen, die Urahnen der Schimpansen aber völlig fehlten. Geologen halfen bei der Lösung des Problems. In ihrem erdgeschichtlichen Szenario rumort es vor etwa acht Millionen Jahren an eben der Stelle, an der in Afrika die Platten der Erdkruste aneinanderstoßen. Die seitlichen Schultern des afrikanischen Grabens heben sich. Die gewaltigen Verwerfungen wirken sich auf Luftzirkulation und Klima aus. Im Westen des Grabensystems regnet es weiterhin regelmäßig. Im Osten dagegen wechseln ausgeprägte Regen- und Trockenmonate ab. Während sich die Affenahnen im Westen immer besser dem feuchtwarmen Regenwaldmilieu anpassen, entwickelt sich bei einer kleinen Gruppe in der östlichen Savannenlandschaft der aufrechte Gang. Die ersten Zweibeiner, die Australopithecinen, staksen durch die Savanne.