ZDF, Samstag, 4. November: "Wetten, daß . . .?"

Es ist kein Zufall, daß einer der wenigen Überlebenden unter den Sauriern der TV-Unterhaltung, den sogenannten "großen" Samstagabend- Shows, "Wetten, daß . . .?" heißt. Denn in dieser Sendung gibt es etwas zu bestaunen, das, obwohl immer wieder gern davon die Rede ist, sonst eher im verborgenen blüht: die Kreativität des Volkes.

Denken Sie sich ein zirka 120 Zentimeter langes, 30 Zentimeter breites und 10 Zentimeter dickes Brett aus massivem Holz, eine schöne kräftige Latte also, deren eine Kante mit konzentrierter Seifenlauge bestrichen wird. An der anderen Kante steht ein Herr, der gute Lungen hat und sich aufs Blasen versteht (er spielt Trompete), und preßt seine Lippen auf das Holz. Er pustet, pumpt und bläst, daß die Backen schwellen. Und was schwillt auf der anderen Seite? Richtig: die Lauge. Sie wirft Blasen, sie quillt, sie bläht sich zu einem vollen weißen Kissen. Die Luft muß ihren Weg durch feinste Hohladern im Holzkörper gefunden und auf der Vorderseite der Latte eine so überraschende schaumige Erscheinung erzeugt haben . . . Hätten Sie's für möglich gehalten? Wettpartner Gerhard Schröder hielt es nicht für möglich und verlor.

Glauben Sie auf Anhieb, daß ein fast siebzigjähriger Zausel hundertmal gegen den oberen Rahmen einer normalen Tür zu treten vermag - und das in nur drei Minuten? Oder daß ein Team junger Leute imstande ist, ein Hühnerei mittels eines 200-Tonnen-Krans in einen Eierbecher zu praktizieren - wobei der Kranführer nur auf Zuruf steuert? Die Wettpaten Rüdiger Hoffmann und Arabella Kiesbauer glaubten an das Volk und gewannen.

Was an all dem Kokolores kreativ sein soll? Wer so fragt, hat nicht begriffen, worauf schöpferische Kraft hinauswill. Schon ihre klassische Definition hebt darauf ab, daß schnöder Zweck fehlen soll, daß es auf Schönheit ankommt. Und die erglänzt bei "Wetten, daß . . .?": im quellenden Schaum, im entzückenden Mißverhältnis von Ei und Kran. Das ist Volkskunst heute.

Und Thomas Gottschalk ist ihr berufener Präsentator. Seine Freude, wenn ein Coup gelingt, ist stets von sympathetischer Ironie durchzogen, er hält sich nie zu lange bei ihr auf, denn the show must go on, und der Plausch mit der Prominenz darf nicht zu kurz kommen. Dieser Teil des Programms, die VIP-Parade, ist konventionell und trotz Gottschalks Schlagfertigkeit meistens doof: Er macht bestenfalls den Zauber von "Wetten, daß . . .?" nicht kaputt. Im Grunde widerstreitet er dem Sinn des Ganzen. Das zeigte sich besonders deutlich letzten Samstag in Duisburg, als ein Megastar auftrat: Michael Jackson. Ein Plausch war hier nicht drin, Gottschalk mußte sich mit einem Händedruck begnügen und reichte dann dem Gast - "Say hello to your fans" - das Mikro. "I love you all", schluchzte Michael und stob von der Bühne. Gottschalk mußte die minutenlangen Ovationen für den King of Pop ertragen und hatte danach Mühe, das Publikum zu schäumenden Latten und Fußtritten gegen Türrahmen zurückzugeleiten. Dabei ist all das so viel kreativer als die synthetische Hysterie des Michael Jackson. Es hat deshalb auch die gewissere, die längere Zukunft.

Wetten, daß "Wetten, daß . . .?" als letzter und schönster Dino auch im nächsten Jahrtausend noch durch die Programmlandschaft stapfen wird? Denn die Kreativität des Volkes ist unglaublich.