In Berlin wird alles anders. Den Hauptstadtblättern wird nie und nimmer passieren, was dem General-Anzeiger in Bonn widerfahren ist. Er verbreitet regelmäßig um Mitternacht beim Bundespresseball eine Extraausgabe, in der unter anderem die Namen aller Gäste alphabetisch aufgelistet sind. Nur leider war es diesmal die Namensliste vom vergangenen Jahr. So daß eigentlich der Hauptzweck des ganzen Abends nicht erreicht wurde, schwarz auf weiß belegen zu können, daß man selber zu den Auserwählten gehörte.

In Berlin wird alles anders. Es wird nie und nimmer passieren, daß beinahe das gesamte Kabinett (Ausnahmen: Töpfer, Seehofer, Rexrodt) den Ballabend meidet, wenigstens drei (von sechzehn) Ministerpräsidenten werden sich schätzungsweise in Berlin leibhaftig zeigen und mindestens ein Schock Parlamentarier dazu. Eigentlich war es sehr nett in der "Hofburg Bonn", beim Presseball.

Daß die österreichischen Politiker trotz der Wien-Anleihe des Mottos fehlten, ist angesichts der Lage in der Hofburg Wien wirklich verständlich. Was aber die Abstinenz der Bonner Politik betrifft - sie verrät vermutlich doch etwas vom Stand der Beziehungen zwischen Politik und Medien. Man braucht sich, aber man schätzt sich nicht.

Presseball? Das ist ein Abendtermin mehr! Und wenn man sich's recht überlegt, wann hätte man denn bei einer Schriftstellerlesung in der Universität oder bei einer Theateraufführung zuletzt einen Politiker gesehen? Aber in Berlin wird alles anders.

Dpa meldet von der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, die Architekten seien besorgt über die städtebauliche Entwicklung der Hauptstadt. Sie hätten "Erschrecken über die Banalität der bisherigen Bauten geäußert und kritisiert, daß ein demokratisches Mitwirken an der Gestaltung des künftigen Gesichts Berlins offenbar nicht gewollt sei". Wir in Bonn wollen das einfach nicht glauben. Wenn das eine begründete und verbreitete Auffassung ist, wäre es mit Sicherheit nicht nur eine kleine Agenturmeldung, sondern Schlagzeile in jeder Berliner Gazette. Denn in Berlin, das lassen wir uns nicht nehmen, ist alles anders.