Literatur, so besagt eine Theorie, ist nichts als die Wiederkehr von bereits Gesagtem. Klaus Kreimeier muß ein Anhänger dieser Theorie sein.

Sein Buch übers Fernsehen ist vor allem: eine Ansammlung von Zitaten. Wörtlichen und gedanklichen. Schon auf den ersten Seiten versammeln sich all die Gurus der Medienszene, und sie bleiben dabei, bis zum bittersüßen Ende: Vilem Flusser (der vor allen), Norbert Bolz, Marshal McLuhan, Paul Virilio und, ja auch der - Pier Paolo Pasolini. Und damit auch die Späteren was zu zitieren haben, schreibt Kreimeier selbst in Stein gehauene Sätze.

Zum Beispiel diesen: Die Maschine (der Fernsehapparat also), "sie steht uns zu Diensten, aber sie setzt ihre Arbeit in unserem Nervensystem fort. Wir selbst sind im Begriff, zur Kamera und gleichzeitig zum Bildschirm unserer Erinnerungen zu werden." Ein schöner Satz, auf den ersten Blick. Und auf den zweiten: ein rechter Schmarren.

Des Autors pädagogische Absicht ist erheblich leichter zu loben als die Ausführung. Er will runter vom öden Pessimismus der Kulturkritik. Zugleich schildert er durchaus engagiert, welche sozialen und gesellschaftlichen Konflikte ins Haus stehen, würde im Sinne einer fröhlichen "Postmoderne" alles einfach so hingenommen, was technologisch möglich und ökonomisch interessant ist. Und er schreibt: "Es geht nicht darum, die neuen Technologien zu ,verbessern`, sondern sie kennenzulernen, um genauer bestimmen zu können, wohin die Reise geht." Mit diesem Satz geht das Buch zu Ende. Man wünschte sich ein Buch, das mit diesem Satz beginnt.

Nichts, aber auch gar nichts, was zum Fernsehen zu sagen wäre, bleibt ungesagt. Und in seinen beschreibenden, die Hintergründe hervorzerrenden Passagen lernt man das offenkundig umfassende Wissen des Mediologen Kreimeier schätzen, auch seine dann anschauliche Schreibe. Wo er aber gleichsam am Überbau arbeitet, wenn die klugen Gedanken zu fliegen beginnen, stürzt er mit ihnen allzuleicht ab. Mit den eigenen wie mit den fremden. Auf welche Weise sollen Sätze intellektuell weiterhelfen wie diese: "Die Vernichtung der Leere ist seine (des Fernsehens) Eschatologie" (Kreimeier). Oder: "Die Medienwirklichkeit wird konkret zum Apriori unserer Weltwahrnehmung" (Bolz). Oder: Kerkelings Witze "spielen mit dem theologischen Zentrum der TV-Maschine: mit der Dialektik zwischen der Sucht, zu sehen, und der Sucht, gesehen zu werden" (wieder Kreimeier). Geradezu ärgerlich ist die Liebe des Autors zu ziemlich fremden Fremdwörtern. Es wimmelt von "perhorreszierenden Vokabeln", "aporetischen Strukturen", "numinosen Werten". Und Neil Postman leidet unter einem "ikonoklastischen Reflex". Wohl dem, der einen Fremdwörter-Duden hat.

Die nicht allzu neue Erkenntnis, daß Geschichte nicht - im Guten oder Bösen - fortschreitet (für Kreimeier bezeichnet sie erstaunlicherweise die "Krise am Ende der Moderne"), diese Erkenntnis läßt den Autor hoffen, daß auch in der "elektronischen Kultur" weder das Positive noch das Negative "unaufhaltsam" sei. Daß "blauäugige Euphorie" ebenso deplaziert wäre wie "bildungsschwere Nostalgie". Schon recht, aber: wie aufhalten? Wohin, gegebenenfalls, voranbringen?

Mit einem "Lob des Fernsehens" ist es jedenfalls nicht getan. Und wer diesen Titel erfunden hat, kann das Buch nicht gelesen haben. Wer ihm glaubt, sollte es nicht kaufen.