Heute ist ein sehr trauriger Tag für uns alle. Aber wenn man in den Spiegel schaut, sieht man nur sich selbst. Ich bin überhaupt nicht in der Stimmung, eine großartige Ansprache zu halten. Was ich aber gerne tue, ist, Ihre Gefühle zu teilen. Und vielleicht kann ich die Hintergründe erklären für das, was gestern abend passierte. Ich möchte das gern sowohl akademisch wie auch aus persönlicher Sicht tun, denn die Ereignisse haben für einen Menschen wie mich, der diese Rechtsradikalen, diese Phänomene so viele Jahre lang beobachtet hat, auch einen persönlichen Aspekt. Es ist nicht leicht, nun als Akademiker zu sprechen und zu funktionieren in einer Situation, in der ich wirklich innerlich explodieren möchte. So werde ich, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, Ihnen heute abend einfach nur einen allgemeinen Hintergrund liefern, statt eine lange Rede zu halten.

Ich glaube, jede Ermordung des Staatschefs ist eine traumatische Erfahrung für das betroffene Land, wie auch immer die besonderen Umstände aussehen mögen. Ich erinnere mich noch, wie mich als blutjungen Mann, als Studenten, im November 1963 die Ermordung Präsident Kennedys getroffen hat. Und doch möchte ich Ihnen zu bedenken geben, daß dieses Trauma in Israel vielleicht eine besondere Dimension hat, weil wir so etwas in der modernen Geschichte des jüdischen Volkes nie erlebt haben. Das einzige historische Ereignis, das einem einfällt und das diese kleine Gemeinschaft der palästinensischen Juden traumatisierte, war die spektakuläre Ermordung von Chaim Arlosoroff 1933, dem berühmten Führer der Arbeiterbewegung. Es war wirklich eine sehr schlimme Erfahrung, die das Land über Jahre verfolgte, das Volk spaltete und die Feindseligkeit so sehr verstärkte, daß der israelische Premierminister Menachem Begin es Jahrzehnte später für nötig befand, eine spezielle staatliche Kommission zur Aufklärung dieses Mordes einzurichten.

Davon abgesehen hat die politische Gewalt in Israel keine Tradition. Und das ist einer der Gründe dafür, daß die Tragödie von gestern abend geschehen mußte - trotz der klaren Schrift an der Wand. Es war sehr wahrscheinlich, daß es geschehen würde. Niemand wollte an einen Mordversuch glauben, auch ich nicht, der ich doch vor genau dieser Gefahr immer gewarnt habe und noch vor vier Tagen auch mit dem israelischen Sicherheitsdienst darüber diskutierte.

Ich will keinen Vortrag über die jüdische Geschichte halten. Doch wenn Sie die Bibel lesen, werden Sie feststellen, daß lauter Gewalt darin vorkommt. Und wenn Sie den Weg des jüdischen Volkes anhand der Bibel verfolgen, werden Sie nicht gerade besonders von der Gewaltlosigkeit der Juden beeindruckt sein. Könige wurden hingerichtet. Alle möglichen Zeloten, selbsternannte wahre Gläubige, töteten Menschen im Namen Gottes. Ich glaube, seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 nach Christi Geburt, seit der Zerstörung Judäas vor etwas weniger als zweitausend Jahren, spielte das Thema Gewalt die wichtigste Rolle im Leben der Juden; und zwar ging es immer darum, Gewalt zu verhindern. Das hatte mit der Überzeugung von politischen Führern, Rabbinern und jüdischen Intellektuellen zu tun, daß einer der Hauptgründe für die Zerstörung des Jüdischen Reiches, des Landes Israel, der äußerst blutige Bürgerkrieg war, der das Land vor seiner Zerschlagung heimgesucht hatte. In jenem geschichtlichen Bürgerkrieg trat auch ein starker, ideologisch begründeter Terrorismus gegen gemäßigte Juden auf.

Nehmen Sie nur den Aufstand gegen die Römer. Noch vor dem Jahre 70 kam es zu Gewaltausbrüchen gegen die Römer. Doch gingen auch Juden gegen Juden mit rabiater Gewalt vor, unter anderem wurden Juden, Hohepriester und prominente Rabbiner hingerichtet, weil sie bereit schienen, zu verhandeln und Kompromisse mit dem Feind zu schließen.

Nach der Zerstörung des Tempels entwickelte sich die Halacha fort, das jüdische Religionsgesetz, demzufolge es unter keinen Umständen zu einem Bürgerkrieg kommen sollte und durfte. Die Diaspora und die Erfahrung, in der Minderheit zu sein, hat diese negative Einstellung zur Gewalt gegen Juden natürlich verstärkt. Die Überzeugung der Juden, daß sie zusammenhalten müssen und es sich nicht leisten können, einander zu bekriegen, war eines der grundlegenden Elemente der kollektiven jüdischen Existenz. Und darum war diese Tradition gegen innere Gewalt so wichtig und heilig, selbst als die modernen Zionisten in Palästina eintrafen - und natürlich wie alle guten Juden anfingen zu kämpfen und zu streiten.

Ich will nicht sagen, daß es keine Ausnahmen gab. Zum Beispiel in den vierziger Jahren, als die Intensität des jüdischen Befreiungskampfes einen neuen Höhepunkt erreichte. Es gab mehrere Konflikte, bei denen Juden ums Leben kamen.