BEURON. - Bruder Pförtner gerät wohl leicht außer sich. Schon bei der ersten Frage nach dem Hühnerstall des Klosters knallte er den Hörer auf die Gabel. Nicht einmal "Auf Wiederhören" hat er gesagt. Nichts. Nur aufgelegt. Vielleicht besser, daß er schwieg. Er hätte sich sonst bestimmt vergessen und zu fluchen begonnen: "Herrgott sakra . . .", und das sollte ein Benediktinermönch nicht tun. Auch nicht, wenn er Grund dazu hat, wie im Kloster Beuron im oberen Donautal. Seit Schweizer Tierschützer ausgerechnet den Hühnerstall des Klosters zum exemplarischen Protest gegen die Käfighaltung ausgewählt haben, ist es mit der Ruhe allerdings vorbei.

Immer samstags und sonntags. Immer wenn am Wochenende die Touristenbusse auf den großen Parkplatz vor der Erzabtei Sankt Martin zu Beuron einbiegen, stehen sie schon da: Erwin Kessler und seine Handvoll Tierschützer aus der nahen Schweiz. "Käfighaltung ist Tierquälerei" steht auf ihren Flugblättern, die sie den Pilgern zur barocken Klosterkirche mit auf den Weg geben. Im Klosterlädchen, gleich neben der Kirche, verkaufen die Mönche die Bibel (21,80 Mark), Matchbox-Autos (7,40 Mark) und frische Eier (30 Pfennig).

Die Eier legten 1100 klostereigene Hennen im wohl schönst gelegenen Hühnerstall der Welt. Wo die Donau eine kleine Schleife macht, wo hoch droben auf den mächtigen weißen Kalkfelsen die Burg Wildenstein thront, wo dem Heiligen Maurus eine wunderschöne Kapelle geweiht ist, gleich dort ums Eck steht der graugelbe Stall. Schade, daß er keine Fenster hat und die Hühner nicht sehen können, wie schön es hier ist. Umgekehrt aber haben Schweizer Tierschützer eines Nachts die Türen des Stalls irgendwie geöffnet und sich die Hennen angeschaut: Vier Tiere in einem Käfig, jedes auf der Fläche eines DIN-A4-Blattes. "Das ist nicht im Sinne des Schöpfers", sagt Erwin Kessler und hält sein Transparent gegen die "Tierfabrik" des Klosters um so fester in der Hand. Dies wiederum sei nicht im Sinne des Fremdenverkehrs, urteilten nun die Einwohner des 200-Seelen-Dorfes und verprügelten am Wochenende nach Allerheiligen die wieder einmal angereisten Schweizer. "Schweine, bleibt in der Schweiz", riefen die aufgebrachten Bauern und Freunde des Klosters. Erzabt Hieronymus Nitz stand daneben und runzelte die Stirn. Schließlich griff die Polizei ein. Jetzt werden die Hühnchen vor Gericht gerupft.

In der Tat fördert der seit Monaten anhaltende Protest nicht gerade den Tourismus. Einmal verspritzten militante Hühnchenschützer Buttersäure in der Klosterkirche. Bis es wieder nach Weihrauch roch, dauerte lange. Und die Wirtin des dem Kloster direkt gegenüberliegenden Ausflugslokals "Zum Pelikan" beklagt herbe Umsatzeinbußen, die sie auf die Schweizer schiebt - und nicht etwa auf die gräßlichen Trockenzwiebeln, die hier zu den Maultaschen serviert werden.

Am geschmacklosesten aber benahmen sich bislang die Tierschützer selbst, die den amtlich genehmigten Hühnerstall als "Hühner-KZ" bezeichneten und gegen einen anderen Hühnerhof im nahen Örtchen Birkhof sogar mit Plakaten zu Felde zogen: "21 000 unschuldige Opfer" seien da eingesperrt. "Birkhof statt Birkenau".

Nach der Prügelei von Allerheiligen werden von allen Seiten die Wunden geleckt. Erwin Kessler versprach dem Erzabt nun, mit den Protestaktionen aufzuhören, wenn die Hühner in absehbarer Zeit in ein Freilandgehege kommen. Der Bruder Stallwächter wiederum kündigte an, die Umstellung der Hühnerhaltung sei nur noch eine Frage der Zeit, schließlich hat selbst die Deutsche Bischofskonferenz 1993 die massenhafte Nutztierhaltung als "nicht schöpfungsgemäß" gegeißelt.

Zweihundert Meter vom Hühnerstall entfernt steht die Mauruskapelle. Ihre Entstehung verdankt sie einem eingelösten Gelübde der Fürstin Katharina von Hohenzollern nach Genesung einer Krankheit. Daneben wäre noch viel Platz für das Einlösen weiterer Versprechen, zur Ehre Sankt Georgs beispielsweise, dem Schutzheiligen aller Bauern und Hühnerzüchter.