Ein zweiter Bill Gates? Marc Andreessen, Vizepräsident der Softwarefirma Netscape, mag den beliebten Vergleich nicht mehr hören: "Das macht mich noch verrückt." Tatsächlich haben die beiden auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Gates, das großgewordene Wunderkind, Chef des Softwareriesen Microsoft, sinniert im feinen Anzug vor Reportern gerne über das Schicksal der Menschheit. Der 24jährige Andreessen überrascht Interviewer dagegen noch mit kurzen Hosen und kaum aufgetragener Bescheidenheit: "Wir haben keine große Erfindung gemacht. Wir haben einfach nur Vorhandenes zusammengefügt."

Dennoch hat Andreessens Software, der Netscape Navigator, die Computerwelt in helle Aufregung versetzt: Er könnte für das Internet das werden, was Bill Gates' Windows für den Personalcomputer ist: das übermächtige Standardprogramm, das die ganze Industrie um sich versammelt, weil es einen einheitlichen Markt schafft.

Das hätte vor einem halben Jahr kaum jemand gedacht. Da war der Navigator nur eines jener Programme, die es ermöglichen, bequem durch das World Wide Web zu kreuzen. Solche Browser, zu deutsch etwa Blätterer, haben das Netz der Netze erst bunt und populär gemacht. Dürre Dokumente verwandeln sie in hübsche Seiten. Und ein Mausklick auf ein hervorgehobenes Wort im Text genügt, um zur nächsten Seite oder gar zu einem anderen Datenspeicher irgendwo im weltweiten Datennetz zu gelangen.

Nun aber geht Netscape einen bedeutenden Schritt weiter: Der jüngste Navigator mit der Versionsnummer 2.0 versteht die Programmiersprache Java, entwickelt von Sun Microsystems, dem kalifornischen Computerproduzenten. Von ihr erhofft man sich nicht weniger, als daß sie das Web mit neuem Leben füllen wird.

Bisher konnten die Browser außer Texten nur Bilder oder Töne aus dem Netz empfangen. Der Navigator dagegen ist dank Java in der Lage, ganze Programmteile, sogenannte applets, aus dem Internet zu holen und abzuspielen. Diesen applets ist es sogar egal, ob sie auf einem Apple-Computer oder einem Standard-PC laufen. Sogenannte interpreter sorgen auf den einzelnen Rechnern dafür, daß die kleinen Java-Programme überall ihre Arbeit tun können.

Wer sich den Navigator 2.0 in der Version für Windows 95 heruntergeladen hat, darf bereits über die ersten applets staunen (http://java.sun.com/applets.html): Da tanzt ein Paar im Fenster des Browsers, die aktuellen Aktienkurse flimmern über den Bildschirm, und das Logo des Webdienstes C/net wackelt und knarrt wie ein Straßenschild im Wind (http://www.cnet.com).

"Neben Windows 95 ist der Navigator 2.0 die bedeutendste Software des Jahres. 1995 könnte das Ende der Windows- und der Beginn der Netz-Ära sein, für die Netscape steht", schrieb die New York Times, als vor kurzem eine kostenlose Testversion des Programms vorgestellt wurde (erhältlich über http://home.netscape.com). Die kommerzielle Fassung soll Mitte Dezember auf den Markt kommen.