Auri sacra fames! Verfluchter Hunger nach Gold! So schrieb es einst Vergil in der Aeneis. Doch deutsche Anleger ignorieren die antike Warnung: Im Gegensatz zu amerikanischen und anderen europäischen Investoren kauften sie 1994 kräftig Gold - insgesamt rund 25 Tonnen. Besonders als der Preis im Sommer vergangenen Jahres für einen Kilobarren unter 20 000 Mark fiel, vergoldeten viele Deutsche ihre Wertanlagen.

Warum ausgerechnet Gold? Selbst die Teilnehmer der World Gold Conference, die vor knapp einem halben Jahr in der Schweiz stattfand, sprachen vom "Makel der Zinslosigkeit". Das Horten von Gold beschert Lagerkosten, bringt aber keine Verzinsung. Nur Steigerungen des Goldpreises bringen dem Anleger Gewinne. Aber davon kann schon lange keine Rede mehr sein. Seit August 1993 ist der Preis pro Feinunze (rund 31,1 Gramm) Gold in der Regel nicht mehr über die 400-Dollar-Grenze gestiegen.

"Seitwärtsbewegung" - so bezeichnen Edelmetallhändler auch 1995 die Entwicklung des Goldpreises, der zwischen 375 und 392 Dollar hin- und herpendelt. Es ist immer dasselbe Dilemma: Wenn der Goldpreis die 390-Dollar-Marke durchbricht, werden größere Goldmengen verkauft, die den Preis rasch wieder drücken. Die Verkäufer sind vor allem Nationalbanken, die kürzlich erst wieder 244 Tonnen Gold auf den Markt brachten. Allerdings fällt der Goldpreis nicht ins Bodenlose. Bei einem Preis von 370 Dollar verzeichnen die Goldhändler rege Nachfrage, zumeist aus fernöstlichen Ländern, die den Preis dann wieder nach oben treibt.

Trotz dieser Erfahrungen mangelt es nicht an optimistischen Prognosen. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Preis für die Feinunze Gold die 400-Dollar-Hürde überspringt", schreibt Marino Pieterse, Herausgeber der in Holland erscheinenden Goldletter International. Felix Zulauf, Vermögensverwalter der Zulauf Asset Management Zürich, glaubt für das kommende Jahr sogar einen Goldpreis von 500 Dollar ausmachen zu können. Die Optimisten berufen sich auf die vor kurzem veröffentlichten Zahlen des Gold Fields Mineral Service, wonach die Goldnachfrage in der ersten Jahreshälfte 1995 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 317 Tonnen auf 1793 Tonnen zugenommen hat.

Asien heißt die Zauberformel. Indien verzeichnete nach Angaben des World Gold Council im vergangenen Jahr mit 415 Tonnen die höchste Goldnachfrage, Japan (228 Tonnen) und China (224 Tonnen) folgen nach den Vereinigten Staaten auf Platz drei und vier. In Japan beispielsweise ist Gold populär, weil die Angst vor einem weiteren großen Erdbeben anhält und die Japaner überdies ihren krisengeschüttelten Banken nicht trauen. Und für die Zukunft erhoffen sich die Goldhändler besonders vom Schwellenland China wahre Wunder: Zehn Gramm Gold, so ihr Credo, habe rein statistisch gesehen jeder Chinese an ungedecktem Goldbedarf - bei der großen Bevölkerungszahl wäre das ein enormes Nachfragepotential. "Der Kauf von Gold ist in China die einzige Möglichkeit, sein Vermögen sicher aufzubewahren", resümiert Felix Zulauf. Weitere Hoffnung schürt bei den Gold-Optimisten die Europäische Währungsunion (EWU). Im Ernstfall könnten vor allem viele deutsche Sparer ihr Geld in Gold umwandeln, um es vor einer neuen, aus ihrer Sicht schwächeren, "weichen" Währung zu schützen.

Doch eine Gold-Hausse ist keineswegs sicher. Im Gegenteil. Skeptisch stimmen andere Fakten des Goldmarktes. Obwohl im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 1975 die weltweite Goldproduktion nicht angestiegen ist, sondern sogar leicht zurückging, wird sich dies in den kommenden Jahren nicht wiederholen. Nach Erkenntnissen des Washingtoner Gold Institute wird der Goldabbau bis 1998 jährlich um durchschnittlich 2,5 Prozent steigen. Zwei Gründe sind hierfür zu nennen: Zum einen fördern immer mehr Länder das Edelmetall. Speziell in Lateinamerika und Südostasien entstehen immer bedeutendere Minengesellschaften. Zum anderen erhöhen die traditionellen Förderländer - mit Ausnahme Südafrikas - ihre Abbaumengen. Hier liegt Australien an der Spitze. In den nächsten drei Jahren will es seine Produktion um 34 Prozent ausdehnen. Der Grund liegt auf der Hand: Während das Gold in Australien an der Oberfläche liegt und relativ leicht abzubauen ist, müssen die Schächte in Südafrika immer tiefer ins Erdinnere getrieben werden - oftmals bis zu 3000 Meter.

Die schlechten Nachrichten nehmen für Goldanleger damit noch kein Ende. Im August sickerte durch, daß die südafrikanische Minengesellschaft Gencor aus Angst vor Preisverlusten knapp drei Millionen Unzen bis zum Jahr 2001 vorverkauft hat. Auch ist mit weiteren Goldverkäufen der belgischen Nationalbank zu rechnen. Belgien will unbedingt Schulden abbauen, um sich für die EWU zu qualifizieren. Auch als Fluchthafen wird das Gold nicht mehr so zielstrebig wie früher angesteuert. Nach Ausbruch des Golfkrieges beispielsweise erhöhte sich der Goldpreis nur um fünfzehn bis zwanzig Dollar. Und auch der schwache Dollarkurs im März diesen Jahres konnte den Goldpreis nur leicht nach oben treiben.