In unserer Ausgabe Nummer 44 berichtete Martin Ahrends, stolzer Vater von sechs Kindern, über seine Erfahrungen mit dem Thema Sterilisation - ganz persönlich und ("Papi grüßt als Wallach") ein bißchen provokativ. Leser Michael Bohne, Autor einer Dissertation zum Thema Fruchtbarkeitsverhütung auf seiten des Mannes, antwortet:

Da ist sie wieder, die "Urangst" des Mannes, nicht (mehr) "fähig" zu sein. Zeugungsunfähigkeit wird, wie so oft, verwechselt mit der Impotenz, also der Unfähigkeit, Geschlechtsverkehr zu praktizieren. Was Wunder, haben doch die beiden Begriffe eine ähnliche sprachliche Wurzel: Die Zeugungsunfähigkeit wird im Lateinischen als Impotencia generandi, das Unvermögen, den Beischlaf auszuführen, als Impotencia coeundi bezeichnet. Der Autor des angesprochenen Beitrags geht allerdings noch einen Schritt weiter und setzt Zeugungsunfähigkeit mit Kastration gleich.

Eine der wenigen Möglichkeiten des Mannes zu konsequenter und sicherer Kontrazeption, nämlich die Vasektomie (Sterilisation durch Durchtrennung der Samenleiter), wird hier wie der Gang zum Schafott geschildert. Kein Wort darüber, daß weit über neunzig Prozent der Männer, die den Eingriff haben vornehmen lassen, damit überaus zufrieden sind, kein Wort, daß der Eingriff die Libido und die Kohabitationsfähigkeit kaum beeinflußt, und wenn, dann meist positiv (zum Beispiel durch Wegfall von Ängsten vor ungewollter Schwangerschaft).

Die Skepsis bei diesem Thema scheint vor allem ein deutsches Problem zu sein. Während in Neuseeland 23 Prozent, in Kanada 13 Prozent, in China 12 Prozent, in Holland, den USA und Großbritannien jeweils 10 Prozent der Männer im zeugungsfähigen Alter vasektomiert sind, sind es in der "alten" Bundesrepublik nur etwa 3 Prozent und in der neuen, großen Bundesrepublik noch weniger, da die Vasektomie in der DDR verboten war. Bedenkt man, daß weltweit so viele Männer vasektomiert sind, wie Frauen die Pille nehmen, nämlich jeweils etwa sechzig Millionen, dann mag man sich fragen, woher all die Männer kommen.

Leicht ist die Entscheidung zur Beendigung der eigenen Fruchtbarkeit in keinem Fall. Und Ängste haben ihre Berechtigung bei einem so heiklen Thema. Um so mehr überrascht es, daß der arme Klient im ZEIT-Artikel lediglich ein Merkblatt mit nach Haus bekommen hat. Sollte er nicht die Möglichkeit der "inneren Auseinandersetzung" mit der endgültigen Fruchtbarkeitsverhütung in Form eines auch unbewußte Anteile einbeziehenden Gespräches bekommen?

Untersuchungen haben ergeben, daß die Zufriedenheit nach dem Eingriff davon abhängt, wieweit der Entschluß neurotisch motiviert, wieweit er selbstbestimmt und bewußt war. Eine innere Auseinandersetzung, zum Beispiel in einem psychologischen oder psychotherapeutischen Gespräch, könnte hilfreich sein und zum Ergebnis haben, daß der Mann den Gang zum Urologen eben nicht als Gang zum Schlachthof erlebt, sondern als eine Befreiung von nicht gewünschter Zeugungsfähigkeit oder als Verminderung des Krankheitsrisikos der Partnerin. Schließlich haben die Sterilisation der Frau, die Pille und die Spirale erheblich höhere Gesundheitsrisiken als die Vasektomie.

Ein ausreichend klärendes Gespräch, jenseits des ärztlichen Aufklärungsgespräches, welches vor operativen Eingriffen üblich und Pflicht ist, scheint der in dem Artikel erwähnte Urologe weder selbst vorgenommen noch empfohlen zu haben. Dies verwundert, wenn man bedenkt, daß die Vasektomie als häufigster operativer Eingriff in der Urologie beschrieben wird. Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, daß in keinem deutschsprachigen urologischen Lehrbuch die Bedeutung einer solchen Beratung erwähnt wird, und es überrascht noch weniger, wenn man weiß, daß sich nur 5 von 3822 urologischen Vorträgen der Deutschen Gesellschaft für Urologie mit der Vasektomie beschäftigen, darunter lediglich ein Vortrag, der auf psychische Aspekte und die Wichtigkeit einer qualifizierten Beratung eingeht.