Vandana Shiva, Präsidentin einer Stiftung für Wissenschaft, Technik und Ressourcenschutz im indischen Neu-Delhi, wählt starke Worte: "Intellektuellen Kolonialismus" und "Piraterie" wirft sie dem amerikanischen Saatgut- und Chemiemulti W.R. Grace vor. Den Zorn der Trägerin des alternativen Nobelpreises erregt ein US-Patent. Es schützt eine Methode, um aus dem in Indien weitverbreiteten Niembaum ein Insektizid zu gewinnen. Mehr als 200 Umweltorganisationen unterstützen eine im September eingereichte Beschwerde gegen das US-Patentamt.

Shiva hat zusammen mit den Grünen im Europaparlament auch gegen ein Patent Widerspruch eingelegt, das der Firma Grace vom Europäischen Patentamt erteilt wurde. Hier geht es ebenfalls um den Niembaum, diesmal um eine Methode zur Gewinnung eines Fungizids. Beide Patente bestehen nach Ansicht der Kritiker zu Unrecht, denn weder handle es sich um "Erfindungen" noch um "Neuheiten". Die beschriebenen Verfahren seien Standardmethoden und in jedem Laborkochbuch nachzulesen. Die insektizide beziehungsweise fungizide Wirkung von Niemöl sei seit Jahrhunderten bekannt. Grace hingegen hält die eigenen Produkte für "ausreichend neu".

Im Grunde dreht sich der Streit jedoch um die Frage: Wem gehört der biologische und geistige Reichtum eines Landes? Ist es ethisch vertretbar, daß reiche Industriekonzerne die Ressourcen des Südens vermarkten, ohne daß das Ursprungsland am Gewinn beteiligt wird? Der Niembaum steht symbolisch für viele andere Fälle gleichen Musters. Die Patentgegner sehen in dem recht einseitigen Transfer eine "zweite Kolonialisierung" und einen "Verstoß gegen die guten Sitten". Für Hiltrud Breyer von den Grünen im Europaparlament ist es "Diebstahl", der mit einem Patent belohnt wird.

Bereits im Herbst 1993 demonstrierten Hunderttausende indischer Bauern gegen die Patentierung. Im Sommer 1994 gingen erneut Tausende auf die Straße. Sie kritisieren, daß mit der Ressource Niembaum, die sie über Jahrhunderte entwickelt haben, ausländische Konzerne das große Geld verdienen. Wollen die Inder die patentierten Produkte und Verfahren nutzen, müssen sie vom Jahr 1996 an dafür Lizenzgebühren bezahlen. Hintergrund ist das Welthandelsabkommen Gatt, das künftig auch die Staaten der Dritten Welt für Patente anderer Mitgliedsländer zur Kasse bitten möchte. Außerdem fürchten die Inder, daß aus dem bislang frei verfügbaren Niembaum ein knapper und teurer Rohstoff werden könnte. Schon heute zahlt Grace nach Angaben Vandana Shivas bis zu 300 US-Dollar pro Tonne Niemsamen.

"Die Inder haben zehn Jahre lang geschlafen", sagt Heinrich Schmutterer. Der Gießener Biologe beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Niembaum. 1959 beobachtete er im Sudan, daß die gefräßigen Wüstenheuschrecken den Niembaum verschonen. Heute weiß man, daß der Grund dafür das Azadirachtin ist, der Hauptwirkstoff des Niembaums. Die Substanz steckt im Samen und ist ein potentes Mittel zur Schädlingsbekämpfung. "Dreißig Gramm Wirkstoff reichen für einen Hektar Fläche", berichtet Schmutterer von Versuchen des vergangenen Jahres, die Maikäfern und Schwammspinnern galten. "Von anderen Mitteln, etwa Parathion, braucht man mehrere hundert Gramm pro Hektar", sagt er. Ihn freut besonders, daß Azadirachtin für Nutztiere und Vögel unschädlich ist. Auch auf Warmblüter - von Ratten bis zum Menschen - wirkt der Stoff nicht.

Wissenschaftlich bestätigt sind inzwischen viele weitere Wirkungen von Extrakten aus dieser Pflanze. Niemprodukte helfen gegen Kopfläuse, Krätze, Mücken, Zecken, Flöhe und Fadenwürmer. Niemöl wirkt gegen manche Pilze und Bakterien, sogar gegen einige Viren. Die indischen Bauern nutzen dieses Wissen seit Jahrhunderten: Ihre Felder und Gärten begrenzen sie mit Niembäumen, Getreidespeicher schützen sie mit Niemblättern vor Schädlingsbefall, und die Preßrückstände aus der Ölgewinnung (Niemkuchen) pflügen sie unter, weil sie Fadenwürmer unterdrücken und gleichzeitig düngen.

Hinzu kommen medizinische Anwendungen. Tausende Jahre alte, in Sanskrit verfaßte Schriften berichten, daß die ayurvedische Medizin Blätter, Rinde, Wurzeln, Früchte, Samen und Öl des Niembaums nutzte. In Indien dienen die Zweige zum Zähneputzen. Eine Tinktur der Blätter hilft gegen Hautkrankheiten. Niem wirkt stark antiseptisch. Als Zutat findet es sich heute in indischen und deutschen Zahnpasten, Seifen, Shampoos und Hautcremes. Tees, die aus den Blättern des Niembaums zubereitet werden, helfen bei Malaria das Fieber zu senken und die Anfälle zu verkürzen.