ZEIT: Frau Merkel, wagen Sie eine Prognose darüber, wie lange das Unglückskraftwerk von Tschernobyl noch am Netz sein wird?

Merkel: Ich bin ein optimistischer Mensch und hoffe deshalb, daß die ukrainische Zusage, daß es im Jahr 2000 vom Netz geht, auch eingehalten werden kann.

ZEIT: Zunächst sind aber die Verhandlungen zwischen der ukrainischen Regierung und den Industrieländern der G 7-Gruppe festgefahren.

Merkel: Die Verhandlungen gestalten sich in der Tat sehr schwierig; auch die jüngste Runde konnte noch nicht erfolgreich beendet werden. Aber das Memorandum of understandig, das jetzt im Gespräch ist, bildet bis auf zwei, drei Knackpunkte immerhin eine Verhandlungsgrundlage. Sie stellt die Ukraine zwar nicht zufrieden, ermöglicht aber doch das Weitermachen.

ZEIT: Was sind die zentralen Streitpunkte?

Merkel: Die Ukraine ist der Meinung, daß heute schon für alle in Rede stehenden Projekte feste Finanzierungszusagen gemacht werden müssen - wogegen die G 7 sagen, daß die Projekte erst einmal spezifiziert werden müssen, bevor man über die Finanzierung redet. Zweitens will aber die Ukraine auch eine Entschädigung für die Stromproduktion haben, die Tschernobyl nach dem Jahr 2000 noch hätte erbringen können. Wir dagegen sagen: Wenn ein Kernkraftwerk unsicher ist, dann muß man zwar helfen; aber man kann doch nicht die internationale Staatengemeinschaft dafür haftbar machen, daß dieses Kernkraftwerk zehn Jahre früher stillgelegt wird, als die Betreiber sich das ursprünglich dachten.

ZEIT: Der Direktor von Tschernobyl behauptet, sein Meiler gehöre zu den sichersten der Welt.