Die belgische Regierung kann einem schon heute leid tun. Sie ist so integrationsfreundlich wie keine zweite, war von den Anfängen Europas an engagiert mit dabei, steht voll hinter Maastricht, ruft nach dem europäischen Bundesstaat, nach einer gemeinsamen Verteidigung und selbstverständlich nach der einheitlichen Währung. Nicht zuletzt ist die belgische Hauptstadt Brüssel Verwaltungssitz der Europäischen Union (EU). Die Stabilität von Preisen, Zinsen und Wechselkursen ist vorbildlich, das Haushaltsdefizit bleibt in der Norm. Doch wenn Ende 1997 oder Anfang 1998 die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zu entscheiden haben, wer für die Euro-Währung taugt, dann droht Belgien die Disqualifikation.

Dafür gibt es eine klare Ursache: Das Land ist unbestrittener Europameister im Schuldenmachen. Mit fast 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist Belgien mit seiner Staatsschuld einsame Spitze, weit vor Italien (125 Prozent) und Griechenland (115 Prozent). Da nach den Konvergenzkriterien von Maastricht maximal 60 Prozent erlaubt sind, hat Belgien nicht den Hauch einer Chance, rechtzeitig die Norm zu erfüllen. Klare Sache also: Belgien bleibt vom Start ausgeschlossen.

Oder doch nicht? "Wir sind der Meinung, daß wir die Kriterien erfüllen", erklärt Olivier Lefebvre, Kabinettschef von Finanzminister Philippe Maystadt. "Wenn Belgien seine gegenwärtige Politik weiterführt, gibt es keinen Grund, es abzuweisen." Prompt folgt der Verweis auf Artikel 104 c des Maastricht-Vertrages, der die 60-Prozent-Grenze außer Kraft setzt, wenn "das Verhältnis hinreichend rückläufig ist und sich rasch genug dem Referenzwert nähert". Für die Brüsseler Koalitionsregierung aus Christdemokraten und Sozialisten gibt es nicht den Hauch eines Zweifels, daß das ihre Situation genau trifft.

Belgiens Kandidatur für die Euro-Währung wird mit tödlicher Sicherheit eine heftige Grundsatzdebatte auslösen. "Die Kriterien, nichts als die Kriterien", werden die Rigoristen argumentieren. "Die Kriterien, aber die vollständigen Kriterien", werden diejenigen dagegenhalten, die auf eine eher politische Auslegung setzen. Die einen werden sich gegen kleinkarierte Interpretationen wenden, die anderen vor der gefährlichen Aufweichung der Stabilität warnen. Daß jetzt ausgerechnet die deutschen Wirtschaftsinstitute in ihrem Herbstgutachten raten, das "Schuldenstandskriterium im Zweifel zu relativieren, ja zu vernachlässigen", ist für Lefebvre eine willkommene Bestätigung seiner Argumente.

Daß sich die Regierung in Brüssel gewaltig angestrengt hat, um fit zu werden, ist unbestreitbar. 1992 startete sie einen "Konvergenzplan". Klare Ambition: den Haushalt so zu gestalten, daß Belgien beim Start zur Währungsunion nicht abseits stehen muß. 1981 machte das Haushaltsdefizit sage und schreibe 13,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, 1992 waren es noch 7 Prozent. Doch von da an ging's bergab - im positiven Sinne. Auch 1993, in der größten Nachkriegsrezession, blieb die Regierung standhaft. Statt Schulden zu machen, baute sie das Defizit weiter ab. Heutiger Stand: 4,3 Prozent.

Mit dem Hinweis auf Maastricht boxte Premierminister Jean-Luc Dehaene dann in den vergangenen Wochen Streichungen von rund fünf Milliarden Mark im Haushalt 1996 durch, erhöhte eine ganze Reihe von Steuern und fror die Ausgaben praktisch auf dem Stand des laufenden Haushalts ein. Mit diesem politischen Kraftakt kam er hart an die Konvergenzgrenze von drei Prozent heran. "Der Weg war lang, aber wir sind seriös", resümiert Ministerberater Lefebvre die Anstrengungen der vergangenen Jahre.

Dazu kommt eine im europäischen Vergleich solide Wirtschaftsbilanz. Anerkennend resümierte die OECD in ihrem jüngsten Belgien-Bericht: "Im Lauf der vergangenen Jahre hat Belgien eine rigorose Wirtschaftspolitik befolgt und damit begonnen, seine strukturellen Ungleichgewichte zu korrigieren." Die Inflationsrate, zuletzt bei 1,6 Prozent, rangiert heute am untersten Ende der europäischen Skala. Die Leistungsbilanz weist nach Luxemburg den höchsten Überschuß in Europa auf.