FREIBURG. - Fünfhundert, sechshundert sind es, vielleicht tausend, und die Touristen mögen sie sehr: Sind es doch die Tauben, die dem Münsterplatz erst die wahre Romantik verleihen. Wie sie rumwackeln, zwischen den bunten Marktständen, wie sie über die mittelalterlichen Häuser flattern und sich auf dem roten Sandstein des "schönsten Turms der Christenheit" niederlassen - als würden sie dafür bezahlt. "Was für ein friedliches Bild", sagt der Tourist, zückt seine Kamera und drückt ab.

Ach, Fremder! Du irrst. Glaubst wohl noch immer jenem dramatisch Irrenden, der die Tauben einst zum Friedenssymbol erklärte? Nein, Fremder, komm mal auf den Münsterplatz, bevor der Tag erwacht. Denn auf dem mittelalterlichen Kopfsteinpflaster herrscht alles andere als Frieden: Seit Jahren tobt hier der Taubenkrieg. Unbescholtene Bürger ignorieren jede Ordnungsstrafe und werfen sich in ein Gefecht, das nur zwei Lager kennt: Die einen füttern die Tauben, die anderen bringen sie um.

Über diese ist naturgemäß nur wenig bekannt. Lediglich ihr Motiv ist klar: Es fällt ja leicht, Tauben zu hassen, diese Bazillenbomber, diese unanständig gurrenden, überall hinklecksenden Ratten der Luft, deren ätzender Unrat gnadenlos am Münster nagt.

Im übrigen ist Taubenvergiften, da streng verboten, absolute Geheimsache. Von einem Lehrer (Deutsch, natürlich, und Geschichte) wurde einst kolportiert, daß er jedem Schüler, der ihm eine tote Taube bringe, fünf Mark zahle. Ebenfalls nur über Gerüchte wird verbreitet, daß der Münsterplatz erst kürzlich wieder Zeuge einer nächtlichen Meuchelei geworden sei. Wie ausgestorben, so berichtete der Tierschutzverein, hätten die Marktleute den Platz am nächsten Vormittag vorgefunden. "Die paar Tauben, die sie sahen, waren alle tot."

Wer ist der Mörder? Die Stadtverwaltung jedenfalls, da sind sich die Tierschützer ganz sicher, die war's nicht: "Die von der Behörde haben uns geschworen, daß sie keine Vergiftungsaktion mehr starten."

Können sie auch nicht. Die letzten offiziell vergifteten Tauben fielen vor drei Jahren vom Himmel, seitdem ist jedwedes Gift von der Liste der erlaubten Taubenbekämpfungsmittel gestrichen. Auch die einst vielgepriesene Taubenschlaftablette wird nach einigen frustrierenden Erfahrungen nicht mehr eingesetzt: "Die Tauben haben ständig vor sich hin gedöst und sind halb betäubt durch die Stadt geflogen." Seitdem die kontaktfreudigen Tiere auch noch resistent gegen die Antibabypille geworden sind, setzt das Amt für Öffentliche Ordnung, das die Freiburger Taubenplage zu verwalten hat, nur noch auf defensive Strategien. "Netze spannen und Spikes auf die Fenstersimse. Mehr kann man nicht machen." Der Ortschaftsrat des taubengeplagten Winzervororts Tiengen hatte zwar mal mit dem Gedanken gespielt, Falken auf Tauben zu hetzen. Doch wurde diese feinfühlig als "ökologische Variante" umschriebene Kampfmethode nicht realisiert. Aus Kostengründen: 3000 Mark verlangt der Falkner im Monat.

Selbstredend ist auch das Füttern streng verboten - und da sind wir schon im anderen Lager des Freiburger Taubenkriegs. Radikal und im Verborgenen arbeitet auch dieses, doch mit seinem hohen Organisationsgrad ist es den Taubenmördern weit überlegen: Morgens, zwischen sechs und sieben Uhr, streuen immer dieselben Personen Weizenkörner, Haferflocken und ähnlich "taubengerechtes" Futter aus. Mal am Münsterplatz, mal in anderen Stadtvierteln - der Taubenfachmann der Behörde vermutet hinter diesen Bewegungen "einen regelrechten Verteilungsplan".