Böse Zungen nannten ihn den "Hofnarren" von François Mitterrand. Der Präsident selber meinte einmal: "Attali hat jede Woche zehn Ideen, von denen ich bloß eine pro Monat in die Tat umsetze." Jedenfalls saß Jacques Attali zehn Jahre lang in dem gediegenen, im Empirestil eingerichteten Büro gleich neben jenem des Staatschefs und trug den eigens für ihn geschaffenen Titel des "Sonderberaters". Jeder, der zum Präsidenten wollte, mußte an seinem Schreibtisch vorbei. Und nur selten fehlte Attali, wenn Mitterrand mit den Mächtigen der Welt zusammentraf.

Jacques Attali war nicht nur stiller Zuhörer, er schrieb auch, auf ausdrücklichen Wunsch Mitterrands, Wort für Wort getreulich mit. Weit mehr als tausend Seiten nehmen diese Aufzeichnungen ein, die er nun unter lautem publizistischem Getöse in drei dicken Bänden veröffentlicht hat. Deren Titel lautet "Verbatim". Genau hier liegt das Problem. Denn wirklich wortgetreu ist die Wiedergabe keineswegs. Was da als Dokumentation mit Gesprächen und Vertraulichkeiten in direkter Rede daherkommt, gehört teilweise eher ins Fach der politischen Fiktion. Das räumt der Autor übrigens freimütig ein. "Der Einfachheit halber", schreibt er im Vorwort, "habe ich alles in direkte Rede übersetzt. Es handelt sich aber nicht um ein Wort-für-Wort-Protokoll." Er hält weiter fest, daß er zwar die Manuskriptfahnen François Mitterrand vor der Veröffentlichung zugestellt hat, ohne daß dieser jedoch dafür verantwortlich gemacht werden könne. Schließlich gibt Attali gar zu, daß er nicht nur schildere, was er gesehen und gehört hat, sondern überdies, "was mir berichtet wurde".

Insgesamt bedeutet für ihn "Verbatim" ein "besonderes literarisches Genre". Selber bezeichnet er sich als "Memorialisten". Bei seinem recht freizügigen Umgang mit Gehörtem, Erfahrenem und vor allem Vertraulichem erstaunt es wenig, daß bereits bei der Publikation des ersten Bandes in Frankreich heftiger Streit entbrannte. Die ehemaligen sozialistischen Minister Pierre Joxe und Robert Badinter behielten sich rechtliche Schritte vor, falls sie in "Verbatim" zitiert würden. Dabei handelt es sich um zwei Politiker, die kaum fürchten müssen, daß bei ihnen Leichen im Keller zum Vorschein kommen. François Mitterrand hielt sich erst vornehm zurück. Während seiner gesamten Amtszeit hatte er sich zum Prinzip gemacht, selbst gegen Verleumdungen niemals vor Gericht zu ziehen. Über den jetzt erschienenen dritten "Verbatim"-Band scheint er freilich so sehr empört, daß er "ausdrückliche Vorbehalte, sowohl in der Form wie im Inhalt", anmeldete.

Tatsächlich ist die dritte und letzte Folge über die Jahre 1988 bis 1991 - danach weilte Attali nicht mehr an Mitterrands Seite, sondern leitete die Londoner Osteuropa-Entwicklungsbank - die brisanteste. Darin werden dem Präsidenten markige Urteile über führende Politiker in den Mund gelegt: So soll er vom "Hochmut von Jospin", von der "Selbstgefälligkeit von Fabius" und der "Kleinlichkeit von Rocard" gesprochen haben. Zu Jacques Chirac wird er mit der Aussage zitiert: "Dieser Mann ist verrückt. Er sagt und tut, was ihm gerade einfällt."

Neben diesen innenpolitisch prickelnden Bonmots handelt "Verbatim III" vor allem von Mitterrands Haltung zur deutschen Vereinigung. Es tritt da ein französischer Präsident auf, der die historische Entwicklung nicht kommen sah, sich bis zuletzt dagegen wehrte und nichts tat, um den Zug der Geschichte zu erwischen. Anfang Oktober 1989 soll er geäußert haben: "Wer von Wiedervereinigung spricht, begreift nichts. Die Sowjetunion wird das nicht hinnehmen. Und die DDR ist Preußen; nie wird sie sich unter das bayerische Joch begeben." Zwei Wochen später bekräftigte er erneut, die Wiedervereinigung stehe für ihn "nicht morgen" auf der Tagesordnung. Gleichzeitig soll er indes nüchtern bemerkt haben: "Wir können Deutschland nicht den Krieg erklären, um sie zu verhindern." Nachdem kurz danach die Mauer fiel, äußerte er sorgenvoll: "Wir verlassen eine bestehende Ordnung, und wir können das neue Gleichgewicht nicht bestimmen."

Sehr früh drängte Mitterrand gegenüber Helmut Kohl darauf, daß die deutsche Vereinigung "innerhalb Europas" erfolge. "Ah, wenn Sie das doch auf der Pressekonferenz sagen könnten!" gibt Attali den erfreuten Kanzler wieder. Zurück im Elysée-Palast soll der Staatspräsident dann ergänzt haben: "Entweder findet die deutsche Wiedervereinigung nach der europäischen Einigung statt, oder sie (die Deutschen) haben ein Dreierbündnis (Frankreich, Großbritannien, Sowjetunion) gegen sich, und das Ganze mündet in Krieg." Richtig zornig soll Mitterrand geworden sein, als Kohl ohne vorherige Konsultation seinen Zehnpunkteplan für eine rasche Wiedervereinigung vorstellte. "Er hat mir nichts gesagt. Das werde ich ihm nicht vergessen." Aber er fügte hinzu: "Ich brauche mich nicht zu widersetzen. Das werden die Russen für mich tun."

Nach einem Treffen mit Kohl in seinem Landhaus in Latché grollte Mitterrand: "Er beschleunigt alles und glaubt, ich merke es nicht." Er wehrte sich dagegen, daß sein DDR-Besuch im Dezember 1989 als Versuch kritisiert wurde, die Wiedervereinigung zu hintertreiben: "Wer das behauptet, ist ein Dummkopf." Daß der Kanzler ihn aufforderte, gemeinsam durch das eben geöffnete Brandenburger Tor zu schreiten, fand er allerdings "ein starkes Stück": "Er will, daß ich seine Besitzergreifung der DDR legitimiere. In diese Falle tappe ich nicht."