Warum, jammert Professor Henry Higgins über die Frauen in George Bernard Shaws "Pygmalion", "können sie nicht so sein wie wir"? Taktvoller, aber ähnlich ungeduldig fragen Geschäftsleute in der Slowakei hinter vorgehaltener Hand: "Warum können die Slowaken nicht so sein wie die Tschechen?"

Dabei ist die Lage gar nicht so schlecht. Die Slowakei, gerade drei Jahre souverän, verwirklicht ein beachtliches Stabilisierungsprogramm: Die Inflation liegt unter 10 Prozent, das Wirtschaftswachstum hat mit 5,8 Prozent die zweite Stelle in der exsozialistischen Welt erreicht. 1994/95 verdoppelten sich die Devisenreserven und halbierte sich das Außenhandelsdefizit. Und doch beherrschen Sorgen das Geschäftsleben in Bratislava.

Der Hauptgrund für diesen Pessimismus ist die dritte Regierung von Ministerpräsident Vladimir Meciar, mit der im November 1994 eine in der alten Nomenklatura verwurzelte Clique an die Macht kam. "Die Leute fangen an, zu regieren wie in alten Tagen", sagt Brigita Schmógnerovß, Oppositionsabgeordnete und Exministerin. "Die erste Regel heißt: Vermeide die Verantwortung für Entscheidungen. Die zweite: Jede Entscheidung muß den Herrschenden nützen."

Tatsächlich baut das System Meciar auf Günstlingswirtschaft auf. In einer Säuberungsaktion wurden über 4000 Führungskräfte in Wirtschaft, Verwaltung und Medien durch Gefolgsleute Meciars ersetzt. Positionen beim Staat (Lehrer, Briefträger, Fabrik- oder Fernsehdirektor) gibt es nur auf Empfehlung von Meciars Bewegung für eine demokratische Slowakei (HZDS) oder seinen Koalitionspartnern. Die jungen, antimonopolistisch gesinnten Technokraten an der Spitze des Kartellamts wurden durch einen ehemaligen Zimmermann ersetzt (allgemein "Holzkopf" genannt), der es nicht wagt, die Machtverhältnisse anzutasten.

Im Mai strengte Meciar ein Amtsenthebungsverfahren gegen seinen Widersacher Staatspräsident Michal Kovac an, wobei er im Parlament die erforderliche Zweidrittelmehrheit um zwanzig Stimmen verpaßte. In Raubrittermanier wurde damals Kovacs Sohn in der Nähe von Bratislava entführt und später halb bewußtlos in einem Auto außerhalb Wiens aufgefunden. Man nimmt an, daß Meciars Polizei auf diese Weise seine Auslieferung an Deutschland ermöglichen wollte, wo er wegen eines Steuervergehens gesucht wird. Österreich hat im Gegensatz zur Slowakei ein Auslieferungsabkommen mit Deutschland.

Am deutlichsten lassen sich die Rückschritte in der Privatisierungspolitik beobachten. Durch sie ist Meciar dabei, die slowakische Industrie zu einer Geld- und Begünstigungsmaschine für sich und seine HZDS zu machen. "Der Mißbrauch des Privatisierungsprogramms ist nicht nur Politik", sagt Gabriela Kaliska, ehemalige Oppositionsabgeordnete, "er ist das Herzstück einer Konterrevolution." Meciar versucht nicht weniger, als die Entscheidung der Slowakei für Marktwirtschaft und Demokratie rückgängig zu machen.

In der Privatisierung stellen sich immer die gleichen Fragen: Soll das Staatsvermögen verschenkt oder verkauft werden? Sollen Insider (also Manager und Arbeiter) bevorzugt werden, oder soll die Restrukturierung neuen Besitzern anvertraut werden? Wer soll den Staat in der Kontrolle des Managements ablösen? Die Tschechoslowakei und anfangs auch die Slowakei entschieden sich dafür, Unternehmensanteile an die gesamte Bevölkerung zu verteilen. Jeder Erwachsene konnte eine bestimmte Anzahl von Kupons erwerben, die dann in frühere Staatsfirmen investiert wurden.