Die meisten Reisebücher leben von der Bewegung. Der Erzähler reist und reist, und der Leser muß hinterher. Die "Seestücke" von James Hamilton-Paterson hingegen leben vom Stillstand, von der Betrachtung und vom Nachdenken. Das Buch handelt, nein, es schwebt in dem Element, das uns das Unvertrauteste ist, das Fremdeste: das Meer.

Die "Seestücke" sind schwer einzuordnen. Hamilton-Paterson, Mitglied der Royal Geographic Society, Journalist und Künstler, vermischt die Genres und Gattungen, die Wahrnehmungsebenen und Stile. Als Quintessenz eines Lebens ist so etwas wie ein wissenschaftlich fundiertes Meeres-Epos entstanden, in dem der Ozean als der Held und das große, unerschöpfliche Rätsel zugleich erscheint.

Hamilton-Paterson schreibt über das Meer als Taucher, Reisender, Grübler. Eines der faszinierendsten Kapitel dieses reichen Buches handelt von der "Wahrnehmung der Schräge" an einem Korallenriff. Mit akribischer Poesie schildert Hamilton-Paterson die Sensationen für Gehör und Körpergefühl, die sich bei nächtlichen Tauchgängen einstellen. "Hier draußen", weiß der Taucher, "sind wir am Rand von irgend etwas: Ertrinken, Furcht, Verstehen." Für die Beschreibung dieses "irgend etwas" hat Hamilton-Paterson eine Sprache gefunden, die den Leser mitzuziehen versteht in die unheimlichen Dunkelzonen seiner eigenen inneren Wasserwelt. Naturwissenschaftlich geschulte Skepsis bewahrt ihn jedoch vor der Versuchung, einem Wassermann-Mystizismus zu verfallen. Hamilton berichtet von imaginären Inseln, die seit Jahrhunderten in den Seekarten der Welt verzeichnet waren mit genauesten Angaben über Bewohner, Klima und Naturschätze. Doch ihr genauer Ort blieb unbekannt - sie existierten in keiner anderen Wirklichkeit als der der Phantasie. Von diesen Inseln, die mit dem Abschluß der Entdeckungen verschwanden, bis zu den Inseln, die in unseren Träumen existieren, ist es nur ein kurzer Sprung. Doch nicht nur das Phänomen der Trauminsel bedenkt Hamilton-Paterson. Mit Verzweiflung berichtet er auch von ihrer pervertierten Real-Werdung: Ein unbewohnter Südseefelsen, über den er vor Jahren geschrieben hatte, ohne Namen und Lage zu verraten, wurde von größenwahnsinnigen Investoren aus einem Stück wilder Natur in den technisierten Alp eines Ferienparadieses verwandelt.

Die "Seestücke" sind ein Meisterwerk an Sinnlichkeit und Reflexion. Ob Hamilton-Paterson über die Bajau, die Seenomaden der Südsee, oder über "Halobaten" schreibt, die als einzige Insektenart das offene Meer bewohnen, immer öffnet er die Augen für überraschende Lebenszusammenhänge. Die "Seestücke" enthalten mehr, als man heutzutage selbst von einem guten Buch gewohnt ist: Weltluft und Gedankenschärfe, genaueste Beobachtung und unsentimentales Empfinden, brillanten Stil.

James Hamilton-Paterson: Seestücke Das Meer und seine Ufer; aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1995; 320 S., 44,- DM