Tief in unserem Innern liegt Rußland: unendlich öde, ausdruckslos, unbewußt und dumpf. Das gefährlich leere Land Tarkowskis verändert sich, mit den Augen Stalkers gesehen, unmerklich leise, aber stetig. Schritt für Schritt schmiegt es sich den eigenen Gefühlen, Wünschen, Ängsten an, gibt keinen Gedanken ungestraft mehr frei. Rußland, ist das nicht die grausamste aller Seelenlandschaften, Ort der Bedrohung durch das Unbewußte, die gefürchtete, ahistorische, alogische, sinnentleerte, zeitvergessene Kehrseite des Westens?

Doch nicht die einseitige, angst- und sehnsuchtsvolle Hinwendung des Westens zum Osten hat Boris Groys zum Ausgang genommen, ein neues Buch - eine Aufsatzsammlung - mit dem Titel "Die Erfindung Rußlands" zu schreiben. Vielmehr geht es um den verdeckt-offenen Poker, den die russische Kultur immer schon mit der westlichen gespielt hat. Empfänglich für die "Unzufriedenheit des Westens mit sich selbst", geht die russische Kultur - so die These - mit dem westlichen Blick reflexiv und strategisch um und "erfindet" sich dabei als das andere des Westens. Den russischen - das heißt zaristischen wie postsowjetischen - Künstler vergleicht Boris Groys mit "einem afrikanischen Häuptling, der eine kubistische Kunstausstellung besucht hat, oder Ödipus, der bei Freud nachgelesen hat". Der russische Künstler, behauptet Groys, übernimmt oppositionelle, alternative Strömungen der westlichen Kultur, transformiert sie und richtet sie polemisch "gegen den Westen als Ganzes".

Von dieser Idee ließ sich Groys schon in seinem ersten, gedanklich und sprachlich dichteren, Buch "Gesamtkunstwerk Stalin" leiten (erschienen 1988). Stalin entpuppt sich hier als der ästhetische Vollender der sowjetischen Avantgarde, als der erste Demiurg, der die russische Geistesgeschichte zu sich selbst bringt. Ihr hat Groys nun einen Namen gegeben: "Selbsterfindung aus dem Geist der Selbstverneinung". Hierzu gehören - so viel Dialektik muß sein - nicht nur die Lust am Bruch mit der Vergangenheit und der Wille zur Antiphilosophie, sondern auch mörderische "Säuberungen".

Im Glauben, selbst nichts Originelles hervorgebracht zu haben, ist die russische Kultur, positiv gesprochen, frei von der Last, etwas bewahren zu müssen. Sie ist bereit zur "Selbstverneinung" und bejaht den fremden Blick des Westens. Zugespitzt ließe sich sagen, die russische Kultur (wie Boris Groys sie versteht) war seit jeher postmodern: Sie erhob gar nicht erst den Anspruch auf einen eigenen Anfang. Hatte sie ein "Wesen", so bestand es darin, die Idee von Geschichte, Schicksal, Autorenschaft zu unterlaufen und falsche Vergleiche, fiktive Kontexte herzustellen. (Verständlich würde so, warum ein - in der Theorie nicht vorgesehener - Bauernstaat den Kommunismus probte . . .) Die russische Kultur - nicht einfach leeres Experimentierfeld, sondern Exerzierplatz kontinentaler Theoriebewegung?

Recht verstanden liegt die Radikalität der russischen Gegenwartskunst darin, daß sie die strukturalistische Theorie gegen sich selbst richtet, sie nicht predigt, sondern eher lakonisch zitiert. (Wohltuend sind Groys' dezente Antipathien gegenüber Derrida und dem unfreiwilligen Maschinismus-Manierismus der französischen Sprache im Kapitel "Der Text als Monster".) Souverän ist die russische Konzeptkunst, weil sie die entwerteten Floskeln der kommunistischen Partei, zeitlich und räumlich entrückt, freiwillig, frohlockend wiederholt, um sich ihrer um so eleganter zu entledigen.

Die Propagandasprache kehrt als Zombie zurück, ein toter Sprachkörper, den man "sorgfältig schminken", aber nicht "reanimieren" kann, wie der russische Autor Viktor Jerofejew sagt. Auf diesem Boden gedeihen sie, die fleurs du mal des Moskauer Konzeptualismus. Im Bewußtsein, für jedes "wahrhaftige Sprechen" ein für allemal verloren zu sein, konfrontiert Jerofejew "kompromißlos, ironisch und arrogant" verschiedene Sprachsysteme miteinander und freut sich an ihrer gegenseitigen Zerstörung. Im Szene-Sound heißt das: Subversion durch Affirmation.

Den westlichen Betrachter schockiert, daß die "Soz-Art" an die Kraft des noch intakten kollektiven Gedächtnisses des "Sowjetmenschen" appelliert, um das nie eingelöste Versprechen auf kosmische Erlösung und höchstes Glück aller im Kommunismus, das einstige, staatlich verordnete Begehren - nicht nur symbolisch! -, in den widerspenstigen Körper des einzelnen einzuschreiben.