Gudrun Koch ist eine begnadete Liebhaberin. Aus einem Nichts kann sie himmlische Glücksmomente hervorzaubern. In ihrem Fall heißt das Nichts Joachim Frank. Es gehört zur Spezies der Männermängelwesen, deren dürftige Natur sich erst unter dem scharfen Blick weiblichen Begehrens enthüllt. Trotzdem kommt der Fluch "Scheißmänner!" nur höchst ausnahmsweise über Gudruns Lippen. Denn ungeachtet mancher Erschütterungen läßt sie sich vom Kleinmut ihres verheirateten Teilzeitgeliebten nicht den Schneid abkaufen. Wenn es ums Glück geht, ist sie geduldig, beharrlich, ja kühn.

Eine Eigenschaft, die sie mit etlichen anderen Heldinnen der österreichischen Schriftstellerin Evelyn Schlag gemeinsam hat. Zwar sind es insbesondere die Defizite der männlichen Beziehungsmanieren, mit denen sich diese Autorin immer wieder auseinandersetzt. Dennoch sind ihre Erzählungen und Romane alles andere als feministische Beschwerdebücher. Viel mehr noch interessiert sie sich für die vitale Sensibilität ihrer Frauenfiguren, von denen kaum eine bereit ist, sich auf engherzige Maßhalteappelle einzulassen.

"Rilkes Lieblingsgedicht" heißt die erste der drei Erzählungen in Evelyn Schlags neuem Buch. ("Unsichtbare Frauen"; Residenz Verlag Salzburg und Wien 1995; 199 S., 39,- DM) Mit dem Hinweis auf die nur schriftlich verwirklichte Passion zwischen Rilke und Marina Zwetajewa versucht der zaghafte Joachim, seine Geliebten Gudrun auf edlen Verzicht einzustimmen. Sie aber denkt nicht daran, sich auf solche "verführerischen Blasphemien der Liebe" einzulassen. Wo Glück und Erfüllung fern scheinen, fliegt ihre Phantasie um so höher. Als Missionarin des ekstatischen Empfindens geht sie im Hotelbett ans Werk. Womit Evelyn Schlag sich nicht zum ersten Mal auf das Wagnis einer erotischen Literatur einläßt - und dabei eine Qualität erreicht, wie sie gegenwärtig nicht oft zu finden ist. Besteht doch ihr Wagnis nicht in anatomischen Direktheiten und grellen Tabubrüchen, die ohnehin ausgereizt sind, sondern in der erotischen Utopie einer fast mystischen Vereinigung. Nüchtern und emphatisch zugleich beschreibt Evelyn Schlag die Intensitäten der Sexualität, als gelte es, die Liebe neu zu entdecken. Die kleinlichen Mühen der Ebene, aus der sich diese Höhenflüge aufschwingen, verliert sie dabei nicht aus den Augen. Mit leisem Witz schildert sie die Winkelzüge des heimlichen Liebespaares. Ganz und gar komödiantisch aber wird es, wenn die beiden in eine Gesellschaft redseliger Schöngeister geraten, wo die Bettgeschichten bekannter Dichter und Dichterinnen durchgehechelt werden.

Wie gut Evelyn Schlag auch die Mittel subtiler Komik beherrscht, wird in der zweiten Erzählung mit dem Titel "Alzesheimer" vollends deutlich. Alces alces ist der lateinische Name des Elchs; das Tier bereitet dem Literaturwissenschaftler Hermann Widmer schlaflose Nächte. Alles weiß er über Leben und Werk des Dichters Hermann Richter, nur nicht, was es mit dessen rätselhaftem Elchsgedicht auf sich hat. Zusammen mit der Übersetzerin und Ghostwriterin Linda macht er sich auf zur Recherche, die beide zu einer früheren Geliebten des Poeten führt. Eine amüsante Satire auf philologischen Spekulationsgeist beginnt, der sich manchmal hilflos zwischen Buchstabengläubigkeit und Lebensferne verheddert.

Eher gering dagegen ist der erzählerische Spielraum im dritten Stück, "Die lustwählende Schäferin", das sich wohl am besten als Hommage an die Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg verstehen läßt, isoliert als Protestantin unter Katholiken, erfüllt von unstillbarer Sehnsucht nach Liebe, Geist und Gott. Ein gelungener Erzählband, an dem eigentlich nur eine Unstimmigkeit irritiert: das frauenbewegte Pathos des Titels "Unsichtbare Frauen". Denn sichtbar gemacht haben sich die Heldinnen aller drei Geschichten trotz ihrer Verletzlichkeit.