Drei Nachtstücke in Brüssel. Dreimal Arnold Schönberg am Théâtre de la Monnaie. Dreimal Lebens-Dunkel, Todes-Angst - vom Vollmond überstrahlt.

Der Abend beginnt mit dem Monodram in einem Akt, "Erwartung" (1909). Wiederholt haben die Sopranistin Anja Silja und der Regisseur Klaus Michael Grüber dieses Fieberstück auf die Bühne gebracht. In Brüssel ist es wie neu zu sehen.

Der Asket unter den Bühnen-Menschen verbannt in der Brüsseler Inszenierung jeden Realismus von der Bühne. Nicht mehr darf Anja Silja ("Eine Frau" heißt die Hauptfigur) wie in Frankfurt 1974 ihr Zelthaus hinter sich herziehen, Liegestuhl und Bild des Geliebten aufstellen. Grüber mutet ihr das Schwerste zu: Ganz auf sich gestellt, in den Bewegungen als alte Dame am Stock zusätzlich behindert, muß die Künstlerin allein durch die Kraft von Stimme und Körperspiel die Geschichte erzählen.

Marie Pappenheims Text spricht, mit detailverliebter Genauigkeit ("entblätterte Rosen am Kleid"), von einer Frau, die durch den nächtlichen Wald irrt, auf der Suche nach dem Geliebten, den sie seit drei Tagen und Nächten erwartet. Sie findet ihn, wie vermutet, vor dem Haus der Nebenbuhlerin. Da liegt er in seinem Blut. Auch wenn Schönberg sich die Szene realistisch wünscht ("Es ist notwendig, daß man die Frau immer im Wald sieht"; "müßte das Haus im Hintergrund sichtbar werden"), kann man das Libretto anders lesen. Bei Grüber heißt das Spiel nicht mehr "Erwartung", sondern eher Erinnerung oder trostlos: Einbildung, Wahn, Lebenstrug.

Hat die mit Schmuck behängte "Frau" in den roten Schuhen der Lebenslust unter dem Abendkleid von vergilbtem Himmelsblau je einen Liebhaber gehabt? Hat ihr ganzes Leben nicht nur aus "Erwartung" bestanden? In Anja Siljas Spiel einer alten, vielleicht nie jung gewesenen Frau, die sich mit dem Ferne-Blick der Blinden über die Szene tastet, wird aus einem Eifersuchts-Drama das Elend verwarteten Lebens. Plötzlich erhalten die Worte einen weiten, ein ganzes Dasein umspannenden Hallraum: "Alles wartet . . . Auf der ganzen, langen Straße nichts Lebendiges . . . Für mich ist kein Platz da." Und ist dies "Du" noch an einen "Er" gerichtet oder schon an das "Ich": "So bald mußt Du fort"?

Im Mittelteil des (pausenlosen, achtzig Minuten dauernden) Abends dann ein Absturz in Albernheit, wie er wohl nicht ausbleiben kann, wenn zu viele kluge Köpfe über einer Bagatelle wie Schönbergs "Begleitmusik zu einer Lichtspielszene" grübeln. Anne Teresa De Keersmaeker und Klaus Michael Grüber lassen zu Schönbergs visionärer Musik von 1930 die berühmte Hotelzimmer-Szene aus dem 1935 gedrehten Film "A Night at the Opera" mit den Marx Brothers einspielen - und bringen beides, Musik und Film (Schönberg träumt ein Mini-Drama nach dem Bausatz "Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe"), um die Wirkung, wenn sie eine Tänzerin in rotem Tüll die irrwitzige Szene stumm kommentieren lassen.

Zum Schluß der Triumph: Anne Teresa De Keersmaekers Choreographie auf das Streichsextett des fünfundzwanzigjährigen Komponisten, Schönbergs opus 4, "Verklärte Nacht" (1899), das der Neunundsechzigjährige 1943 im amerikanischen Exil für Streichorchester bearbeitet hat. Flirrend, nervös, blühend im Auffächern aller Orchesterfarben musizieren Antonio Pappano und die Symphoniker des Brüsseler Theaters dieses Erkennungsstück des Jugendstils in der Musik, das seit Antony Tudors "Pillar of Fire" (1942) die Choreographen lockt.