Als sein Bühnen-Erstling "Der Traum des Liu-Tung" uraufgeführt wurde, vor dreißig Jahren, 1965 bei den Berliner Festwochen, ahnten wir noch nichts von "Multi-Kulti". Aber wir erfuhren an diesem Abend im experimentierfreudigen Studio der West-Berliner Akademie der Künste, daß und wie fernöstliche Ontologie und Ethik einerseits, westlich-abendländische Kompositions-Techniken andererseits sich miteinander verbinden können; daß und wie aber auch ein Rest bleibt von fast unüberbrückbarer Fremdheit, von sich wechselseitig anziehender wie abstoßender Polarität. "Der Mensch", so lautete damals die Botschaft vom Tao, vom "Weg" und "Urgrund der Welt", "muß sich von den Äußerlichkeiten der Welt lösen, wenn er die Wahrheit finden und Unsterblichkeit gewinnen will."

Isang Yun stammte aus einer Kleinstadt des damals noch ungeteilten Korea, war Sohn eines angesehenen Schriftstellers, begann autodidakt zu komponieren, wurde schließlich Lehrer. Aber bald schon geriet er zum ersten Mal zwischen die Mühlsteine der Politik: Da er 1941 aktiv am Befreiungskampf teilgenommen hatte, verhafteten ihn 1943 die japanischen Besatzer - später scheute Yun sich nicht, deren Behandlungsmethoden als "Folter" zu bezeichnen.

1956 kam er nach Europa, studierte in Paris und dann in Berlin bei Boris Blacher und Josef Rufer - von 1970 bis 1985 lehrte er selber auf deren Hochschulprofessur. 1964 mündete er als einer der frühesten ein in den mitteleuropäischen Trend zur "Klangfarbenkomposition": "Loyang" entfaltete absolut neue Instrumental-Timbres aus einem Kammerensemble. 1966 war erstmals ein solches Werk von ihm in Donaueschingen zu hören: "Réak" für großes Orchester.

Ein halbes Jahr später kidnappte ihn der südkoreanische Geheimdienst, verschleppte ihn nach Seoul, wo er in einem Schauprozeß wegen "landesverräterischer Beziehungen" (mit Nordkorea) zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Massiver Druck der internationalen Öffentlichkeit verschafften ihm schließlich doch die Freiheit. Aber auch die japanischen Einwanderungsbehörden gingen wenig zimperlich mit Isang Yun um, als der im November 1979 einreisen wollte, um bei einem Festival "für Frieden und Menschenrechte" eigene Werke zu dirigieren: Mehr als neun Stunden entwürdigendster Verhörprozeduren benötigten sie für die Aufenthaltsgenehmigung. Noch 1994, als Yun zu Aufführungen seiner Werke nach Seoul eingeladen wurde, verlangten südkoreaner Ministerien nicht nur "politische Enthaltsamkeit", sondern vor allem öffentliche Entschuldigung und Reue - der Komponist reiste ostentativ nach Pjöngjang.

Dabei verkündet Isang Yuns Musik eher das Gegenteil von politisch aufgedonnerter Dramatik, zieht sich immer wieder hinter einen artifiziellen Schleier zur Meditation zurück. Etwa in der für uns lange Zeit eher exotischen Behandlung der Tonhöhen: Als "Haupttontechnik" bezeichnete Yun einmal sein Verfahren, das, analog der traditionellen koreanischen Hofmusik, eine Linie, eine Melodie, eine Reihe entwirft, diese dann mit mikrotonalen Elementen verändert bis hin zu größeren Wucherungen und Neben-Linien. Etwa in der symbolistischen Zuordnung von Instrumenten, die oft aus dem zwischen Belebung und Beruhigung vermittelnden Prinzip des Yin und Yang abgeleitet ist; im Ausgleich der dynamischen Extreme; in der Verbindung von elektronisch erzeugten mit natürlichen Tönen; in der räumlichen Aufteilung der Klänge - Techniken, die durchaus der Lehre des Tao entsprechen: "Tao ist dauernd ohne Handeln, aber es gibt nichts, das es nicht vollbrächte."

Am vergangenen Freitag starb Isang Yun, achtundsiebzigjährig, in Berlin an den Folgen einer Lungenentzündung.