Küssen wäre das falsche Wort. Sie stecken sich, sagen sie, ihre Zungen ins Gesicht. Dann ficken sie. Den Mädchen tut es weh, für die Jungs ist es eine kurze, stupide Verrichtung. Hinterher reden sie darüber, die Girlies kichernd daheim unter sich, die Jungs cool unterwegs auf der Straße. Eine Rede - "Mädchen knacken, echt geil, voll cool, Männer sind Wichser" -, die mehr Lust, Zeit und Energie erfordert als der Sex selbst. Ihre Promiskuität ist ein verbaler Kraftakt, ihre Begierde kalt und mechanisch. Nach diesem Film möchte man so schnell keinen Leinwandkuß mehr sehen.

Telly reißt am liebsten Jungfrauen auf, denn die sind wenigstens sauber. So fängt der Tag an. Ruby ist längst keine Jungfrau mehr, benutzt selten Kondome und hat Angst vor dem Aids-Test. Jennie, die nur mit Telly Verkehr hatte, ist HIV-positiv. Sie irrt duch Straßen, Parks und Discos, um Telly zu finden, der weiter ahnungslos Dreizehnjährige verführt. Auf der Party sackt Jennie bewußtlos zusammen und wird von Tellys Freund Casper vergewaltigt, eine wehrlose Gliederpuppe zwischen bekifften, besoffenen, friedlich durcheinander schlafenden Teenies. So hört es auf.

Kids in New York, 24 Stunden lang, am heißesten Tag des Jahres. Sie skaten durch den Großstadtdschungel, besorgen sich Dope im Washington Square Park, schlagen einen Schwarzen zusammen, knutschen, klauen, lungern rum, tragen Girlie-Klamotten, Sneakers ohne Schnürsenkel und extraweite Shirts. Jeder Akt vollzieht sich im Rhythmus von HipHop, Techno und Rap, Moral ist ihnen so fremd wie der Beat der Rockgeneration. Tanzen und Totschlag werden gleichermaßen zu Highlights eines freudlosen kollektiven Rauschs, in dem die kleinen Brüder die großen imitieren und die Mädchen ihre Stärke aus der Unterwerfung beziehen. Ihr Leben ist ein Quickie, ihre Identität heißt fun, ihr Narzißmus äußert sich in Sex und Gewalt. Man pierct sich die Zunge und kann Schwule nicht ausstehen.

Erziehung? Nein danke. Tellys Mutter stillt den kleinen Bruder vor laufendem Fernseher in einem schmuddelig verwahrlosten Appartement. Casper findet, sie stinkt, und starrt auf ihre Brüste. So viel zum Thema Familie.

Regisseur Larry Clark folgt seinen Protagonisten mit Skateboard und Handkamera. Die meisten Darsteller hat er im Park aufgegabelt, nur Chloe Sevigny als Jennie ist als Girlie-Idol populär. Clark, der sich als Photograph von Junkies und Strichern einen Namen gemacht hat, wollte einen ehrlichen Teenager-Film drehen und die Wahrheit über die mysteriöse Generation X dokumentieren. Mit jeder hektisch verwackelten Einstellung bedeutet er seinem Publikum: Was Ihr seht, ist hautnah und echt, Jugend unplugged - so sind sie wirklich. Dehrbuchautor Harmony Korine ist 19 und stammt aus der Szene. "Kids" setzt auf den Skandal, den der Film in Amerika erwartungsgemäß provozierte. Denn das Obszöne der Bilder entspringt der bedachten Verwechslung von Kino und Leben, eine Gleichung, die seit "Pulp Fiction" der Gewalt beizukommen glaubt und der zufolge sich Authentizität wie von selbst einstellt, wenn man alles Verständnis fahren läßt und die Kamera nur gnadenlos draufhält.

Zarte Haut, knallharter Slang, müde grinsende Kindergesichter. Clarks Methode ist die Schocktherapie, die sich den Zynismus seiner Helden anverwandelt und ihren Körperkult eins zu eins in eine rauhe Körpersprache übersetzt. Ein Trash-Film, der mit Schweiß, Spucke, Sperma und Blut auch die Wahrheit über die No-Future-Teenies abzusondern behauptet. Aber "Kids" zeigt nur ihre Moden und Rituale. Ihrem Wesen kommt Clark nicht näher als die Schlagzeilen der Sensationspresse.