POTSDAM. - Der amtliche Bescheid aus Nürnberg umfaßte vier Seiten und hatte - wie es sich gehört - auch eine vorschriftsmäßige Rechtshilfebelehrung. Überhaupt war alles ganz vorschriftsmäßig an dem Schreiben, das per Einschreiben ins Flüchtlingswohnheim Potsdam kam: "In dem Asylverfahren der AVOKPO, Nicole (. . .) ergeht folgende Entscheidung: der Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigte wird abgelehnt. Die Antragstellerin wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb 1 Monats nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen. (. . .) Sollte die Antragstellerin die Ausreisefrist nicht einhalten, wird sie nach Togo abgeschoben."

Nein, die Beamten des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge haben es sich nicht leichtgemacht mit Nicole Avokpo. Sie haben ihre politische Verfolgung geprüft, Vor- und Nachfluchtgründe untersucht. Von der sonst üblichen mündlichen Anhörung allerdings, so räumen die Prüfer ein, habe man abgesehen. Die Anhörung wäre wahrscheinlich auch nicht sehr ergiebig gewesen, denn außer markerschütterndem Weinen und kleinen Rülpsern gibt Nicole Avopko bisher keinen Laut von sich. Die abgelehnte und zur Ausreise aufgeforderte Asylbewerberin ist vier Monate alt.

Vor zwei Jahren kamen Nicoles Eltern aus Togo nach Deutschland und beantragten hier Asyl. Als die Tochter im Juni zur Welt kam, stellte der Vater auch für sie einen Asylantrag - aus Unkenntnis über die Rechtslage, nach der Kinder unter sechzehn Jahren auch ohne einen solchen Antrag nicht abgeschoben werden dürfen. Ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist an den rechtlichen Status der Eltern geknüpft. Doch das Asylgesuch war gestellt und wurde deshalb auch vorschriftsmäßig geprüft und entschieden: "In Hinblick darauf, daß sich die Antragstellerin nie in ihrem Heimatland aufgehalten hat", könne sie dort wohl auch kaum politische Verfolgung erlitten haben, kombinierten die Entscheider des Asylbundesamtes messerscharf. "Eigene Vorfluchtgründe" stünden ihr nicht "zur Seite".

Auch Anhaltspunkte für das Vorliegen von Nachfluchtgründen prüften die gewissenhaften Beamten: Wegen der Asylantragstellung in Deutschland habe Nicole Avokpo bei ihrer Rückkehr nach Togo weder mit Verhaftung noch Bestrafung zu rechnen, "im übrigen ist es im Hinblick auf das Alter der Antragstellerin nahezu ausgeschlossen, daß ihr bei einer Rückkehr nach Togo überhaupt irgendwelche Maßnahmen drohen". Einer Abschiebung stünde somit nichts im Wege.

So jedenfalls verstanden es die Eltern des Säuglings und starrten voller Panik auf die einmonatige Ausreisefrist, die der Bescheid gleich auf der ersten Seite nennt. Nur - die war ja gar nicht so gemeint. Was das Asylbundesamt den aufgeschreckten Eltern nicht mitgeteilt hatte, erklärte es nun den Journalisten: Das kleine gewindelte Wesen werde selbstverständlich nicht ohne die Eltern nach Togo abgeschoben. Bis über deren Asylantrag entschieden sei, dürfe auch Nicole Avokpo in Deutschland bleiben. So stehe es in den deutschen Gesetzen, und so laute es schließlich auch in dem schriftlichen Bescheid. Und tatsächlich, auf Seite zwei findet sich ein Absatz mit seltsamen Buchstaben- und Zahlenverknotungen: "Gem. 43 Abs. 3 AsylVfG", "unter Berücksichtigung von Art. 6 GG" und "abweichend von 55 Abs. 4 AuslG" darf die Ausländerbehörde die Abschiebung von minderjährigen ledigen Kindern "vorübergehend aussetzen, um die gemeinsame Ausreise der Familie zu ermöglichen". Das mag verstehen, wer ein paar Semester Jurastudium hinter sich hat, ein juristischer Laie jedoch nicht, schon gar nicht, wenn er der deutschen Sprache kaum mächtig ist.

Beim Asylbundesamt in Nürnberg sieht man in dem Asylbescheid für Nicole Avopko weder ein Versehen noch ein Indiz dafür, daß hier der Amtsschimmel durchgegangen ist. Warum man den Asylantrag der besorgten Eltern nicht einfach mit einer Erklärung zurückgeschickt habe, ein solches Gesuch für ihr Neugeborenes sei unsinnig und unnötig? Nein, das ginge nicht, erklärt der Vizepräsident des Amtes, Wolfgang Weickhardt. "Wir müssen über jeden Antrag entscheiden, wenn er entscheidungsreif ist, denn der Antrag wurde gestellt." Vorschrift ist Vorschrift. Und im übrigen seien solche Fallkonstellationen zwar selten, aber keineswegs einmalig. Erst kürzlich habe das Asylbundesamt über die politische Verfolgung eines in Süddeutschland lebenden Säuglings entschieden.