Der Strom der Bittsteller vor dem Grabmal des Mönchs Valentinus Paquay in der Minoritenkirche reißt nicht ab. Kerzen werden angezündet, Gebete gemurmelt. Dem 1905 verstorbenen Heilig Paterke, dem heiligen Pater, werden allerlei wundersame Taten bei der Linderung von körperlichen und seelischen Leiden zugeschrieben. Auch sonst macht Hasselt, die Hauptstadt der Provinz Limburg im belgischen Flandern, den Eindruck eines frommen Orts. Die alle sieben Jahre zu Ehren ihrer Madonna "Virga Jesse" mit großem Pomp abgehaltene Prozession gilt als eines der wichtigsten religiösen Feste im Königreich. Der alte Beginenhof im maasländischen Renaissancestil, der in ein Kulturzentrum umgewandelt wurde, sowie Straßennamen wie Capucienenstraat, Minderbroederstraat oder Witte Nonnenstraat erinnern an Epochen, als Äbte und Äbtissinnen die Geschicke der Stadt bestimmten.

Die Hasselter sind nicht zuletzt stolz auf eine im städtischen Museum ausgestellte goldene Monstranz, die aus dem Jahre 1286 stammt und die älteste der Welt sein soll.

Doch drei-, viermal im Jahr erfüllt ein Duft die Altstadt, der nicht von Wachskerzen oder Weihrauch stammt. Das beißende Aroma dringt dann sogar bis zum Glockenspieler hinauf, der einsam hoch oben im Turm der Sankt-Quirinus-Kathedrale jahrhundertealten Glocken himmlische Melodien entlockt. Der rauchige Geruch ist jener des Genevers, des Wacholderschnapses, dem Hasselt einst seinen Wohlstand verdankte.

Brodelte, zischte und dampfte es bis zum Zweiten Weltkrieg noch in Dutzenden von Brennereien, so gibt es heute lediglich die drei winzigen Privatdestillerien Wissels, Smeets und Fryns sowie die Brennerei des Nationalen Genevermuseums. Wegen der geschrumpften Produktion werden die Öfen nur noch gelegentlich befeuert, doch Hasselt bleibt seinem Renommee als Schnapsstadt treu, organisiert feuchtfröhliche Geneverfeste und für wissensdurstige - oder schlichtweg durstige - Touristen sogenannte Schnapswochenenden.

Das einzige Genevermuseum Belgiens befindet sich in einem ausgedehnten Backsteinbau, der vom Jahr 1800 an eine Brennerei und einen Bauernhof beherbergte. Der Betrieb wurde 1964 eingestellt. 1982 besannen sich die Stadtväter auf die Hasselter Schnapstradition, bewahrten Belgiens älteste Brennerei vor dem Abriß und richteten das Genevermuseum ein, in dem einige Male im Jahr ein kräftiger, erlesener Hausgenever produziert wird. Das Museum erläutert die Produktionsweise van korrel tot borrel, vom Korn zum Schnäpschen. Der belgische Genever, mit einem durchschnittlichen Alkoholgehalt von mindestens 35 Volumenprozent, ist eng verwandt mit dem englischen Gin und dem holländischen Jenever. Die Besucher erfahren, daß die wichtigsten Ingredienzen des Hasselter Branntweins, Gerste, Roggen und Wacholderbeeren, früher von den Getreidefeldern und Heideflächen des umliegenden Kempenlandes stammten, heute aber größtenteils importiert werden.

Unter dem pyramidenförmigen Dach der Darre, wo die gekeimten Getreidekörner durch Erhitzen getrocknet werden, verströmt das Eichengebälk einen schweren, würzigen und malzigen Duft. Brennkolben, Retorten, kupferne Ventile, Rohrspiralen, Maischgefäße, Alkoholmeter und anderes kompliziertes Gerät lassen den Besucher glauben, er sei in ein alchimistisches Labor geraten.

Brennen war seinerzeit wie russisches Roulette. Als man um 1850 von der Feuerung mit Torf auf Dampf umstieg, nahmen unter den Brennern die durch den Rauch verursachten Lungenkrankheiten ab, doch mangels technischer Kenntnisse flog so mancher Heizkessel in die Luft. Ein noch prachtvoll erhaltenes Stück ist die Zierde des Museums: Eine aus dem vergangenen Jahrhundert stammende Dampfbrennanlage glänzt im blank gewienerten Messingmantel.