Ein fehlgeleitetes Fax brachte die ganze Geschichte ins Rollen: Denn der "geheime Bericht", der da plötzlich bei der Daily Mail eintrudelte, klang höchst besorgniserregend. Ein Beratergremium der englischen Regierung berichtet darin, daß der vierte britische Farmer in diesem Jahr am Creutzfeld-Jakob-Syndrom (CJD) erkrankt ist - und CJD gilt als menschliches Äquivalent der Rinderkrankheit BSE. Erst im September war ein Farmer an dieser schleichenden Auflösung des zentralen Nervensystems gestorben, und der Expertenbericht stellte alarmiert fest: "Verglichen mit der allgemeinen Bevölkerung, gibt es einen statistischen Überschuß bei den Erkrankungen von Rinderzüchtern."

Die Reaktion der Medien ließ nicht lange auf sich warten. "Neue Furcht vor dem Rinderwahn" titelte die Daily Mail, andere Blätter zogen nach, und mittlerweile ist auch in Deutschland die Rinderwahnsinn-Debatte wieder ausgebrochen. Anfang dieser Woche nahmen sich gleich zwei Fernsehsendungen des heißen Themas an und verbreiteten die Angst unter deutschen Verbrauchern.

Die Furcht wird vor allem von der Statistik genährt. Nicht nur daß Farmer offenbar besonders gefährdet sind - überdies ist auch die Zahl der Creutzfeld-Jakob-Erkrankungen in Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren auf das Doppelte gestiegen. Doch wie alle Statistiken ist auch diese Erhebung interpretationsfähig. Die Zunahme der CJD-Erkrankungen könnte schlicht darauf zurückzuführen sein, daß seit fünf Jahren gezielt nach solchen Fällen gesucht wird. Und das erhöhte Krankheitsrisiko der Farmer relativiert sich stark, wenn man weiß, daß die Gefährdetsten in England offenbar Vikare sind: Rein statistisch erkranken zwei von einer Million Farmern, bei den Gottesmännern sind es dagegen 11,8 pro Million.

Freilich sind in diesem Jahr auch erstmals zwei Teenager erkrankt, unter denen CJD als äußerst selten gilt. Hans Kretzschmar, der die erste bundesdeutsche Studie zu Creutzfeld-Jakob-Erkrankungen leitet, vermutet zwar, daß dies "wahrscheinlich nichts bedeutet", will aber "alle Augen und Ohren offenhalten", ob noch mehr solcher Fälle bekannt werden.

Denn nach wie vor ist ungeklärt, ob die Rinderseuche nun als CJD auf den Menschen übertragbar ist, wie lange die Inkubationszeit dauert und was der Erreger ist. Aus Laborversuchen weiß man aber, daß er vom Rind auf andere Arten wie etwa Katzen überspringen kann. Der deutsche Virologe Heino Diringer warnt daher, daß der BSE-Erreger auch den Menschen gefährden könnte.

Freilich gilt es unter den Experten als sicher, daß die Gefahr im wesentlichen vom Hirn infizierter Tiere ausgeht. Alle Versuche, die Krankheit auch durch Muskelfleisch zu übertragen, scheiterten. Beispielsweise gelang es nicht einmal, Labormäuse zu infizieren, denen man Muskelfleisch infizierter Rinder direkt ins Hirn spritzte. "Und die Übertragung durch die Nahrung ist wesentlich weniger effektiv als die direkte Übertragung ins Gehirn", weiß Hans Kretzschmar.

Dieser feine Unterschied zwischen Hirn und Muskel geht freilich in der BSE-Diskussion, zumal wenn sie im Fernsehen geführt wird, leicht unter. Wer allerdings das Denkvermögen in Steaks vermutet, braucht sich über Wahnsinn nicht zu wundern.