Am Reformationstag hielt Altbundespräsident Richard von Weizsäcker im Dom zu Brandenburg eine Ansprache, in der er auch zur PDS Stellung nahm. Er sagte unter anderem:

"Die mit uns befreundete ungarische Regierung wird von einer politischen Kraft geführt, welche nach unserem hiesigen Jargon postkommunistisch heißt. Ähnlich steht es heute in Polen, mit dessen Regierung wir ebenfalls freundschaftlich verbunden sind. Die Entscheidung des Bundestages zugunsten von Berlin als Hauptstadt wäre ohne diese PDS nicht zustande gekommen und wird von den Berlin-Befürwortern aller westlicher Parteien dankbar entgegengenommen.

Wenn es aber um eine Kommunal- oder Landtagswahl in den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin geht, dann dient die PDS als Wahlkampfkeule in der Hand der einen westlichen Partei, um mit ihm auf das Haupt der anderen westlichen Partei einzuschlagen. Ohne Zweifel hat dies der einen dieser beiden Lager kurzfristig Erfolge gebracht, zumal es das andere Lager tief verunsichert und in die Defensive gebracht hat. Am meisten aber hat es der PDS selbst genutzt. Langfristig fühlt man sich an die Luthersche Charakterisierung der Fürsten erinnert, die weder klug noch fromm, noch Christen seien.

Es ist weder mein Mandat noch mein Wille, bestimmten Parteien zu helfen oder zu schaden. Aber haben wir denn nicht alle gemeinsam die Aufgabe und die Kraft, jedermann für die Demokratie zu gewinnen, Prozesse des Umlernens zu fördern, zum Beispiel auch die Richtungskämpfe in der PDS-Führung als solche Prozesse des Lernens ernstzunehmen und zu begrüßen, anstatt sie abzuleugnen, weil sie uns vielleicht eines Wahlkampfknüppels berauben könnten? Haben wir nicht immer wieder selbst Grund dazuzulernen?

Viele heranwachsende Bürger sind von den Schriften des jungen Karl Marx beeindruckt, in denen er im Zeichen der werdenden Massengesellschaft gefordert hatte, ,alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist`. Wir alle wissen, daß seine Lehren am Ende in den unmenschlichen Stalinismus hineinpervertierten. Aber was heißt da postkommunistisch, wenn ein junger Brandenburger oder Berliner einen Weg zum Sozialismus auf den demokratischen Prüfstand stellen will? Es wird vielleicht schwer für ihn sein, sich damit zu bewähren, aber soll er es nicht als Demokrat versuchen dürfen? Und muß sich ein junger Ostbürger, der am 9. November 1989 noch unmündig war, zuerst für die schrecklichen Mauerschüsse entschuldigen, bevor man ihn zum demokratischen Wettbewerb zulassen will?"

In einem Interview mit dem Tagesspiegel in Berlin vom Wochenende sagte Weizsäcker:

"Wenn jemand der Meinung ist, daß eine der zu unseren Wahlen zugelassenen Parteien nicht demokratisch sei, dann möge er zum Verfassungsgericht gehen und das Undemokratische dieser Partei dort einklagen. Dieses aber zu unterlassen, dafür auf der anderen Seite in einem Wahlkampf davon zu profitieren, daß man eine Partei pauschal als undemokratisch bezeichnet, halte ich für keinen sauberen Weg. Das ist weder intellektuell noch moralisch, noch politisch sauber. Und was den Konsens der demokratischen Parteien betrifft - die Wirklichkeit sieht doch so aus: Die größere der demokratischen Volksparteien bekämpft die kleinere Volkspartei hinsichtlich des Themas PDS mit dem Erfolg, daß die kleinere demokratische Volkspartei geschwächt und die PDS gestärkt wird. Das kann doch nicht reiner Zufall sein."