Wer bin ich? Solange ich lebe, hatte ich mit der Antwort keine Schwierigkeiten. Ich war ein Mensch, der keine Berge erklimmen wollte, aber unermüdlich die Ebenen des Lebens durchlief. Ich war staatsloyal und angepaßt, war fleißig und gutmütig. So kam ich vor fünf Jahren in dieses Land, da das meine versunken war. Vier Jahre später mußte ich mir die Frage neu stellen: Wer bin ich?

Ich erhielt von meiner Arbeitsstelle die fristlose Kündigung. Die Begründung lautete, ich sei unzumutbar und hätte meinen Arbeitgeber arglistig getäuscht. Mir sei eine Arbeit für das MfS nachzuweisen. Ich war mir sicher, daß ein Irrtum vorlag.

Ich lief in Berlin in die Mauerstraße zur Gauck-Behörde und ließ mir einen Antrag auf Einsicht in vorhandene Schriftstücke geben. Ich sah auf das Stück Papier und wußte nicht, wer ich war: Sollte ich ein Kreuzchen setzen bei "ein Betroffener", "ein Begünstigter", "ein naher Angehöriger", "ein Mitarbeiter des ehemaligen MfS/AfNS"? Nichts war zutreffend. Wollte ich die mir unbekannte Akte einsehen, von deren Existenz ich nichts wußte, mußte ich mich "bekennen".

Eine Mitarbeiterin von Herrn Gauck zählte mich, ohne zu zögern, zu den Tätern. Mir wurde bedeutet, das Kreuzchen bei "Mitarbeiter des ehemaligen MfS/AfNS" zu setzen, denn ich hätte ja schon die fristlose Kündigung als Beweis für diese Kategorie in der Tasche. Ich fühlte mich aber nicht als Täter.

Was hatte ich getan, das mir jetzt zur Bedrohung wurde? Als ich, kurz nach dem Mauerbau, meinen Dienst in der Schule aufnahm, forderte mich der Schulleiter auf, eine Erklärung zu unterschreiben, nie feindliche Sender zu sehen und zu hören. Ich gab ihm die Unterschrift und blieb selbstverständlich bei der Gewohnheit, alle Sender aus West und Ost zu empfangen.

Später gehörte ich einer Arbeitsgruppe an, die mehrfach um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" kämpfte. Ich weiß, für Nicht-DDR-Bürger klingt das lächerlich. Aber es war so, und es war ein Teil meines Lebens. Ich verpflichtete mich, bei diesem "Titelkampf", so hieß es damals, für die Stärkung unserer Republik zu arbeiten.

Als mein erster Ehemann eine Arbeitsstelle in einem Vorzimmer der Regierung aufnehmen sollte, teilte er mir mit, daß eine Sicherheitsüberprüfung ins Haus stehe. Ich war nicht verwundert darüber und ließ mir eine Erklärung diktieren, die mir damals unverfänglich schien, ein Loyalitätsbekenntnis. Ich hinterfragte den Text nicht, da es nicht um Formulierungen ging, sondern um den Zweck - politische Überprüfung. Wie hätten Sie sich verhalten, liebe fremde Leserin?