WASHINGTON. - In dem Sturzbach der Kommentare über die Ermordung von Jitzhak Rabin betonen Juden in Israel und in den Vereinigten Staaten immer wieder, wie schockiert sie darüber seien, daß der Mörder, Jigal Amir, Jude ist. Juden, erklären sie, töten nicht andere Juden (oder sollten es nicht tun).

Leider kommen sie ein wenig spät. Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gruppen der zionistischen Bewegung in Palästina, als es noch britisches Mandatsgebiet war, führte zu einer ganzen Reihe von Morden. Als junger Offizier in der neugeschaffenen Armee des Staates Israel befahl Rabin 1948 selbst einen Angriff auf eine Gruppe von Begin-Anhängern - fünfzehn von ihnen wurden getötet. In dem Streit über die Kollaboration der Judenräte mit den Nazis wurde der ungarische Jude Klausner umgebracht. Auf einer Demonstration in Israel gegen die Invasion des Libanon wurde ein Teilnehmer durch eine Handgranate getötet.

Sind Mordtaten von Juden moralisch eher gerechtfertigt, wenn die Opfer keine Juden sind? Alle Kriege sind schrecklich, und Kriege, die vermeintlich für das nationale Überleben geführt werden, sind sogar noch schrecklicher. Es war Rabin, der persönlich die Vertreibung von 50 000 Arabern aus ihren Ländereien und Dörfern im Krieg von 1948 befehligte, und er war Offizier in einer Armee, die in den Kriegen mit Ägypten Kriegsgefangene erschießen ließ.

Systematische Tötungen und Folter durch die Besatzungstruppen sind zur Routine geworden, von den israelischen Gerichten für zulässig erklärt worden, und sie werden offenbar auch weitgehend von der öffentlichen Meinung Israels und der amerikanischer Juden unterstützt. Der Mord an Arabern in der heiligen Stätte von Hebron durch den Juden Goldstein rief kurzfristig Abscheu hervor; aber er ließ bald nach, und die Streitkräfte, die Polizei und die Lynchtrupps der israelischen Siedler führten ihre Aktionen anschließend weiter fort.

Zwei Fragen stellen sich. Die eine lautet: Haben der permanente Krieg und die Besetzung arabischen Territoriums die Lebensform Israels so grundsätzlich beeinflußt, daß ein Teil der Bevölkerung auf absehbare Zeit davon unheilbar geprägt ist? Hannah Ahrendt sah im europäischen Faschismus die Rückkehr Europas zu jenen politischen Praktiken, die einst eingesetzt worden waren, um Kolonialvölker zu unterwerfen. Im französischen Fernsehen erklärte der namhafte israelische Forscher Zeev Sternhell, dessen Arbeiten über den europäischen Faschismus großes Gewicht haben, daß die israelische Rechte alle Anzeichen des frühen Faschismus aufweise: eine Neigung zur Gewaltanwendung, ein organisches Volkskonzept, eine Aufteilung der Welt in wenige Freunde und viele Feinde, die es auszumerzen gilt. Sternhell fügte hinzu, daß, wie üblich, die extremistische Rechte mit der stillschweigenden Billigung der gemäßigteren Rechten rechnen konnte. Benjamin Netanjahu, der Anführer der israelischen Rechten, sprach auf Veranstaltungen, auf denen Spruchbänder gezeigt wurden, die Rabins Tod forderten.

Die zweite Frage ist noch bedrückender. Seit der Emanzipation der Juden in der modernen Gesellschaft gab es stets zwei jüdische Pfade zur Sicherheit. Viele Juden identifizierten sich mit den universellen Werten der amerikanischen und der französischen Revolution. Juden, glaubten sie, konnten nur sicher sein in einer Welt, in der alle Menschen unveräußerliche Rechte besitzen. Andere Juden dagegen suchten Bündnisse mit den Mächtigen, die überzeugt werden konnten, sie gegen den Neid und den Haß normaler Menschen zu beschützen. Theodor Herzl, ein völlig säkularisierter Jude und ganz den Ideen der Aufklärung verpflichtet, wurde zum Gründer des modernen Zionismus, nachdem er als Zeitungskorrespondent in Frankreich den Dreyfusprozeß beobachtet hatte.

Der Zionismus hat jedoch zwei Seelen. Die eine bemüht sich um einen demokratischen und egalitären jüdischen Staat, der gemeinsam mit anderen an der Aufklärung mitwirken sollte. Die andere, die vor allem nach dem Holocaust aufkam, verschrieb sich einer jüdischen Version des Sozialdarwinismus. Die Welt sei ein Dschungel, die Juden müßten sich mit allen Mitteln verteidigen. Menachem Begin machte nie ein Hehl aus seiner Verachtung und seinem Haß, auch nicht aus seiner prinzipiellen Abneigung, Nichtjuden zu vertrauen.