Die Nacht wird schwärzer, der Weg wird holpriger. Unsere beiden Busse kämpfen sich durch finstere andalusische Olivenhaine. Wohin, um Gottes willen, bringt man uns, die Creme des deutschsprachigen Motorjournalismus (Sektion Nutzfahrzeuge)? Plötzlich Lichter, Gitarrenklänge, weiße Pferde mit schönen Männern und noch schöneren Frauen, Fackeln, Tapas, Sherry, Glutaugen, gegrillte Fische, mehr Sherry, die Nacht ist warm: Herrlich, wunderbar, so schön ist Motorjournalismus!

Mercedes-Benz (Sektion Nutzfahrzeuge) will der Welt den kleinsten Nutz-Mercedes vorstellen. Es heißt "Vito" und ist eine Art VW-Bulli mit Stern, natürlich windkanaloptimiert und entsprechend rundlich. Der Vito wird, weil spanische Arbeiter nicht soviel Geld benötigen wie deutsche, in Spanien gebaut. Also ruft Mercedes die Fachpresse nach Sevilla. Heute sind wir dran, die Motorjournalisten von Trans Aktuell, Lastauto Omnibus, Nutzfahrzeugemarkt und Güterverkehr, insgesamt 58 Herren und zwei Damen. Mercedes hat eigens ein Flugzeug gemietet. 15.30 Uhr Ankunft im Hotel "Andalusi Park". 15.45 Uhr Besichtigung der Stadt Sevilla. 19.00 Uhr Pressekonferenz. 20.30 Uhr Bustransfer zur Hazienda "El Vizir".

Ein Tusch. In der großen Halle der Hazienda "El Vizir" gehen die Lichter an. Die Tische sind gedeckt. Andalusien zeigt, was es hat. Weiße Weine, zarte Fische, rote Weine, zarte Lendchen, süßer Nachtisch, ach, meine Hüften, ach was, lang zu! Kaffee, Kognac, arbeiten die denn nie, die Motorjournalisten? Doch, Geduld, unsere Arbeit fängt soeben an. Unsere Arbeit fängt an, wenn die Herren vom Vorstand, vom Verkauf, aus der Entwicklung und der Produktion schon so ein bißchen beduselt sind von all den erlesenen Getränken. Die Zungen sind gelöst, Geheimnisse werden mitgeteilt. Für jeden von uns haben die Herren von Mercedes je ein Geheimnis: Wie viele Leute kennen den Algorithmus, mittels dessen die Wegfahrsperre beim Vito gesichert ist? Wann kommt der Kosmetikspiegel in der Beifahrer-Sonnenblende? Was wird der Vito in Deutschland kosten? Wie sieht es mit den Mercedes-Aktivitäten in Indien, in China oder auf Bali aus.

Wir haben uns gerade mit der Serviette den Mund abgetupft und heben vertraulich zu sprechen an, da drängen etwa zwanzig junge Menschen in den Trachten der umliegenden Dörfer in den Saal. Stöpseln Verstärker ein. Fangen an zu klatschen und zu singen - der Flamenco ist da! Mit rauhen Stimmen bellen sie ihre Lieder heraus, stampfen, tanzen wollüstig und stolz. Die Sänger feuern die Tänzer an: Eso es! Olé! Venga ya! Ja, da klatschen wir mit. Wann hören die eigentlich auf?

Unsere Gesichter werden lang und länger. Gegen den Krach kommt man doch nicht an. Himmel, die spielen sich erst so richtig warm. Leute von der Presseabteilung huschen von Tisch zu Tisch. Dolmetscher bitten um gedämpfte Lautstärke. Die Musikanten nicken und werden noch lauter. Ihre Stimmung steigt unaufhaltsam. Sie lachen und toben. Unsere wertvolle Zeit verrinnt! Sollen wir alle aus der Pressemappe abschreiben? - "Produktoffensive! Waschanlagenfähig! Langzeitästhetik! Doppelairbag!"

"Schluß!" befiehlt Mercedes, immerhin ein Weltkonzern. Die Flamencotruppe nickt, lacht und macht weiter. Ja, sie scheint Spottlieder auf uns und den Weltkonzern zu singen! Wer stoppt den Flamenco? Niemand stoppt den Flamenco!

Am nächsten Morgen haben sechzig verkaterte Motorjournalisten ein Stündchen Zeit, mit dem neuen Vito ein Ründchen zu drehen. Dann ab in den Flieger. Wir sind frustriert. Wir haben ja praktisch nichts rausgekriegt. Alle werden den gleichen Artikel schreiben. Apropos Bali: Wie laut ist balinesische Tempelmusik?