Drei grundlegende Erfahrungen haben das Verhältnis der Jugend zur Moderne und zum Fortschritt in den letzten dreißig Jahren grundlegend verändert. Erstens die Möglichkeit der Außensicht auf die Erde - zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit können wir die Erde von außen sehen. Zweitens die Möglichkeit der Innensicht des Lebens und drittens die Möglichkeit, die Netze unseres Gehirns gleichsam in die technische und soziale Welt ausfalten zu können.

Bedenken wir einmal kurz, was in der Zeitspanne eines durchschnittlichen Menschenlebens, also in den 75 Jahren, geschehen ist, die hinter uns liegen: der Aufstieg und der Fall des Nationalsozialismus, der Aufstieg und der Fall des Kommunismus, Weltkrieg und Völkermord, die Atombombe, der erste Mensch auf dem Mond, die Explosion von Wissenschaft, Technik und Verkehr. Der Wirbel der Geschichte, der vor unser aller Augen tanzt, belegt vor allem eines: Es gibt eine rapide zunehmende Geschwindigkeit aller Lebensprozesse. Unsere Erfahrungen wandeln sich mit einer Geschwindigkeit, die uns aus der Geschichte herauszuschleudern scheint.

Das ist das erste Kennzeichen des Prozesses der Modernisierung: daß uns alle ein Gefühl der mit- und fortreißenden Zeit erfaßt hat. Dieses Bewußtsein einer ungekannten Beschleunigung des Erfahrungswandels hat seine Basis in der Realität und ist insbesondere an der Entwicklung der Wissenschaften abzulesen. Heute arbeiten neun von zehn Naturwissenschaftler, die jemals auf unserer Welt geforscht haben. In den nächsten zehn Jahren wird auf der Welt genausoviel geforscht und mehr publiziert werden wie in den fast 2500 Jahren seit Demokrit und Aristoteles.

Damit stoßen wir auf ein zweites, häufig verdrängtes Merkmal unseres Bewußtseins von Moderne: Alle Lebensvorgänge werden komplex-prozeßhaft, sie werden zum Teil undurchsichtig, und sie werden global. In der großen europäischen Kernforschungsfabrik Cern gibt es heute Experimente, an denen bis zu 1500 Personen beteiligt sind. Die Organisationsleistung solcher Gruppen, in denen ein völlig neues Sozialverhalten eingeübt werden muß, ist mindestens ebensogroß wie die Erkenntnisleistung. Ein einzelner Abteilungsdirektor dieser riesigen Kernforschungsfabrik bewegt auf seinem Computer mehr Daten als die gesamte Telekom.

Friedrich Dürrenmatt hat diese Fabrik eine umgekehrte Nasa genannt, weil dort mit immer größeren Installationen immer kleinere Teilchen gesucht werden. Er wollte als Schriftsteller die Suche nach dem einen eingreifenden Individuum in dieser Fabrik nicht aufgeben und war erleichtert, als er unter all den auf ihre Computer vertrauenden Physikern und Technikern endlich einen einzelnen Mathematiker fand, der die Fehlermöglichkeiten der großen Computer abzuschätzen hatte. "Der", so heißt es bei Dürrenmatt, "ebenfalls ein Rechengenie (war) wie die Computer, wenn auch ein nicht so geschwindes, dafür ein intelligenteres, weil eben ein menschliches, der ungefähr, mehr instinktiv, er wisse selbst nicht wie, abzuschätzen wisse, ob seine elektronischen Brüder richtige oder falsche Resultate fabrizieren, ein Computerpsychiater also oder Computerseelsorger, Erleichterung unsererseits, der Mensch hat doch seine Aufgabe."

Dieser grundlegende Prozeß der Moderne hat den kulturkritischen dunklen Unterton verstärkt, den schon Schopenhauer und Nietzsche vorgegeben haben. "Der Geist des Fortschritts . . .", heißt es bei Nietzsche, "gibt vor, die Welt wirklich zu besitzen und hat sie doch ganz verloren." Es ist kein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte, daß sie früher die englische Sprache mit so praktischen Wörtern wie "Kindergarten" und "Rucksack" versorgt, aber ihr jüngst das Substantiv "Angst" gespendet hat. Es scheint, als sei die kulturpessimistische Unterströmung prägend geworden, als bestimmten die öffentliche Diskussion die Angsttöne, denen Bertolt Brecht schon in den fünfziger Jahren die Stimme gegeben hat: "Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein."

Aber dies war die Gegenstimme aus der DDR gegen das westdeutsche Wirtschaftswunder. Dies ist Ausdruck einer Stimme, wie sie mitunter noch heute laut in den Medien spricht, von sämtlichen Umfrageergebnissen aber nicht mehr gedeckt wird. Denen zufolge sehen knapp 80 Prozent der jungen Menschen in Deutschland ihrer Zukunft optimistisch entgegen. 93 Prozent der jungen Menschen sehen in der Ehrlichkeit die erstrebenswerteste Eigenschaft des Charakters, gefolgt von Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit.