Der Tod kam früh zu John Keats. 1804, Keats war acht Jahre alt, stürzte sein Vater - ein junger, aufstrebender Stallbesitzer nördlich von London - vom Pferd und erlag den Folgen des Unfalls. Ein Jahr später starb sein Großvater. Seine Mutter, die nur zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes wieder heiratete und danach dem Alkoholismus verfiel, starb 1810 an Schwindsucht. Der vierzehnjährige Keats, der älteste von vier Geschwistern, saß in den Schulferien an ihrem Sterbebett und begleitete sie in den Tod. Überliefert ist das Bild, wie Keats im Unterricht sich immer wieder hinter das Pult des Lehrers zurückzog, um seinen Schmerz vor der Klasse zu verbergen. Die Großmutter, die seit der sozialen Verwahrlosung der Mutter sich um die Kinder gekümmert hatte, starb 1814. Danach lenkte der Vormund Abbey die Geschicke der Waisen.

Dies ist, selbst für diese Zeit - jeder vierte Londoner wurde Opfer der Schwindsucht -, eine katastrophale Familienbilanz. Was daran freilich überraschen muß, ist die persönliche Kraft, mit der Keats alle Verluste ertrug, ohne im mindesten beschädigt zu werden. Während seiner Ausbildung zum einfachen Wundarzt in einem Hospital im slumähnlichen Londoner Southend, dessen frühkapitalistische hygienische Verhältnisse wir uns kaum vorzustellen vermögen, entscheidet sich der neunzehnjährige Keats, sein Leben in die Waagschale der Dichtung zu werfen. Es ist bezeichnend für diesen Dichter, daß er sich im Angesicht des körperlichen Elends für die Literatur entscheidet. Und es ist alles andere als eine Flucht. Es ist der Versuch, hinter dem Bild des Verfalls, das er ohnehin kennt und hier erneut studiert, einen Wert des Lebens zu finden.

Schöngeistige Freunde und Künstler der Londoner Szene bestärken ihn. Und nun beginnt eine Lebensreise, die in ihrer geistigen und seelischen Zeitdichte etwas Kolossales hat. Wir Deutschen können höchstens Büchner als Keats' fernen Verwandten erkennen: Auch er, der sich intensiv zur Medizin berufen fühlte, schafft wie im Wettlauf mit einer kurzen Lebensspanne ein Werk von bestürzendem Gehalt. Aber anders als der deutsche Dichter leidet Keats nicht vor allem an seiner Zeit - das tut er schon auch -, sondern an dem Widerspruch zwischen Lebensglück und Todesunglück.

Keats hat nicht - wie seine romantischen Dichterantipoden Lord Byron und Percy Buysshe Shelley - das Privileg einer höheren Bildung genossen. Er ist Autodidakt. Schritt für Schritt erarbeitet er sich mit brennendem Ehrgeiz die sprachlich-technischen Mittel, deren es bedarf, um sein Ziel zu erreichen, ein unsterblicher Dichter zu werden. Dieses Ziel, in Keats' Briefen mit entwaffnender Naivität formuliert, hat etwas Prometheisches: Hier will einer den Himmel stürmen. Bei wohl keinem anderen Dichter der Weltliteratur dürften künstlerische Biographie und Identität aus einer solchen Eigenmacht des reinen Selbstentwurfs entstanden sein.

Keats nimmt oft ein Natur- oder Lektüreerlebnis zum Anlaß, um daran die Grundstruktur der Erfahrung zu entfalten. In den frühen Gedichten heißt diese Grundstruktur: Dem Verfall, der Unhaltbarkeit der Existenz steht die Schönheit wie eine unüberwindlich sinnstiftende Sphinx gegenüber. Das Gedicht als Träger der Schönheit wird selbst zur Probe darauf, ob die "ewige, grausame Zerstörung", die Keats in der Welt am Werk sieht, überwunden wird oder nicht. "A Thing of Beauty is a Joy forever" (Ein Werk der Schönheit ist ein Glück für immer): Der berühmte Anfang der Verserzählung "Endymion" belegt diese jugendlich-idealistische Intention. "Endymion", das zweite Buch von Keats, erschien 1818 im Druck und trug dem Dichter bei der konservativen Tory-Presse, die nach der Niederlage Napoleons eine Restauration vorbürgerlicher Gesinnungen betrieb, Kritiken voller Hohn und Spott ein.

Im gleichen Jahr trifft Keats ein schwerer Schicksalsschlag: Sein jüngster Bruder Tom, der ihm besonders nahesteht, stirbt Anfang Dezember an Tuberkulose. Wiederum sitzt Keats am Sterbebett. Die Schwindsucht gilt noch nicht als ansteckend, als ihre Ursache wird Husten angesehen. Unerbittlich zieht sich das Netz der "grausamen Zerstörung" um Keats zusammen. Und mit einer heroisch zu nennenden Energie nimmt er die Schläge des Unglücks auf und integriert sie in den Korpus seiner Gedichte, seiner Briefe, seines Lebensbewußtseins: "Welcome Joy, welcome Sorrow" (Willkommen Glück, willkommen Sorgen).

Doch der Sorgen sind nicht genug. Keats beginnt während einer Fußreise durch Schottland an einer Halsentzündung zu leiden, die sich nicht mehr bessern wird und Vorläufer seiner eigenen Lungentuberkulose ist. Wenige Wochen nach dem Tod seines Bruders Tom verliebt er sich in die junge Fanny Brawne. Teils wegen seiner schwankenden Gesundheit, teils weil er die Erregungszustände seiner Verliebtheit kaum erträgt und sie der Konzentration auf seine dichterische Arbeit hinderlich sind, zieht er sich an die Südküste zurück, wo ihn indes Eifersuchtsanfälle plagen. Von Vorahnungen seines eigenen Todes heimgesucht, schreibt er in nur zwei Monaten - April und Mai 1819 - seine bedeutendsten Gedichte: die großen Oden und die Ballade "La Belle Dame sans Merci".