BERLIN. - "Gestern Bild-Zeitung, heute ZDF, zu einer Talk-Show bin ich auch noch eingeladen - dabei bin ich doch nur Busfahrer." Ingo Kube begreift den Medienrummel nicht. Dabei ist er aus gutem Grund Berlins prominentester Busfahrer. Immer freundlich und gut gelaunt, das hat man nicht oft in dieser überfüllten Möchtegern-Metropole, die an den Nerven zerrt und ihren Bewohnern die Laune verdirbt, so daß Verkäuferinnen verlernen zu lächeln, Autofahrer sich angiften, Busfahrer so muffig sind wie ihre Fahrgäste.

Ingo Kube, die Ausnahme, bleibt freundlich, auch wenn ihm mal nicht danach ist. Er will die Menschen, zumindest die in Berlin, dazu bringen, ihr Auto gegen öffentliche Verkehrsmittel zu tauschen. "Mein Slogan ist: Berlins Zukunft ist loofen, radfahren und die Öffentlichen." Und deshalb bleibt er freundlich, auch wenn Fahrgäste an ihm ihre schlechte Laune auslassen. Neulich wartete er an einer Haltestelle, um einen Kollegen abzulösen, neben ihm ein Ehepaar mit Sohn. Tatsächlich kam eine Weile kein Bus. "Die Frau beschimpfte mich die ganze Zeit: Kein Wunder, daß die BVG immer weniger Fahrgäste hat . . ." Schließlich kam der Bus, Kube setzte sich an seinen Platz: "Und die Frau bezahlte mit einem Fünfzigmarkschein. Da habe ich ganz freundlich zu ihr gesagt: Wenn Sie den großen Schein vorher gewechselt hätten, dann würde es jetzt schneller gehen. Die Frau hat sich entschuldigt. Oder neulich, da beschimpft mich eine alte Frau an der Haltestelle in Buch (im nördlichen Berlin), daß die U-Bahn in Steglitz (im südlichen Berlin) nicht gekommen sei. Habe ich ganz freundlich zu ihr gesagt: Seh'n Sie da hinten den Schornsteinfeger? Fragen Sie den doch mal, ob Sie zu Hause ein Spitz- oder ein Flachdach haben."

Ingo Kube ist auf fünfzig Buslinien heimisch. Besonders gern fährt er die berühmte Linie 100, die Touristenmeile vom Alex zum Zoo. Wenn er durchs Brandenburger Tor fährt, hält er jedesmal kurz an und fragt mit immer gleicher Begeisterung: "Na, wat is det fürn Jefühl, so mittenmang im Brandenburger Tor? Ha!" Und er erzählt den Fahrgästen vom Kribbeln im Bauch bei der ersten Durchfahrt durch dieses Tor, nach dem Fall der Mauer. Er kann das "Gesumse über Ost und West in den Talk-Shows und was das alles kostet" nicht mehr hören, ist nicht sein Thema. Sein Thema: "Wir brauchen überall Busspuren."

Sehenswürdigkeiten erklärt er wie ein gelernter Stadtführer: Unter den Linden, Staatsoper, Palast der Republik, bei ihm "Palazzo Prozzo" oder "Honeckers Lampenladen", Komische Oper, aber auch abgelegene Stätten wie das Naturkundemuseum, natürlich gleich mit der richtigen Busverbindung dorthin. Zwischendurch gibt er den Essenstip des Tages mit Rezept, diesmal Hühnerbrühe. Am Großen Stern: "Menschen mit schwachen Nerven sollten jetzt die Augen schließen. Hier jeht's nämlich zu wie beim Autoscooter. Von überall kommen Autos und - bums, schon hat's jekracht. Und denn erklingt die Berliner Nationalhymne, die Polizeisirene."

Die Öffentlichen sind Ingo Kubes Jugendliebe. Schon in den Ferien der letzten Schuljahre in Niederschönhausen hat er sich als Straßenbahnschaffner Taschengeld verdient. Nach einer Betriebsschlosser-Lehre hat er gleich bei der Straßenbahn angefangen. Und mit den Fahrgästen geredet hat er schon damals, erst in der Straßenbahn, später im Bus. "Held der Arbeit" sei er aber nie gewesen oder Busfahrer des Jahres, wie Medien über ihn berichtet haben: "Da denkt doch jeder gleich, ich bin 'ne rote Socke, und fragt nach Akten bei Gauck!" Er war ein paarmal Aktivist, wie fast jeder in der alten DDR.

Jeder Fahrgast wird von ihm begrüßt: "Guten Tag", "Tag allerseits", "Einen wunderschönen guten Tag." Und er verabschiedet sich auch von ihnen: "Machen Sie sich noch einen schönen Tag. Tschüssing! Bis zum nächsten Mal." Zu den Schulkindern, die an der Storkower aussteigen: "Und macht gleich Schularbeiten!"

Eine ältere Frau klagt, daß sie sich wegen der vielen Straßenumbenennungen nicht mehr zurechtfinde. Ingo Kube kennt die alten und die neuen Namen: "Dimitroff-/Ecke Arthur Beckerstraße. Oder auch: Danziger/Ecke Kniprodestraße, kann sich jeder aussuchen."