BONN. - Sehr geehrter Herr Harpprecht, unverändert hält die SPD daran fest, Europa zu einigen. Das zusammengewachsene Europa ist das beste Beispiel politischer Lernfähigkeit - die europäischen Bürgerkriege dieses Jahrhunderts waren eine besonders bittere Lehre dafür, daß Europa nur gemeinsam das humanistische Ideal gleicher Würde und gleichen Rechts für jeden Menschen behaupten kann. Gerade Deutschland ist in besonderer Weise verpflichtet, nie mehr gesonderte Wege zu gehen, fest in der westlichen Demokratie verankert zu bleiben und unaufhörlich mit Europa verbunden zu sein. Für mich, wie für die Sozialdemokratie insgesamt, folgt daraus: Die europäische Integration ist zu vertiefen, die Union selbst zu erweitern.

Diesem Maßstab muß die europäische Wirtschafts- und Währungsunion genügen. Darüber gibt es eine öffentliche Debatte - und das ist gut so. Gerade weil die SPD "eine Partei des soliden und klaren Europäertums" ist, stellt sich - auf der Grundlage des Vertrages von Maastricht - die Frage, wie wir weiter mit Wirtschaft und Währung umgehen wollen. Meine größte Sorge ist, daß wir sonst die Vision von Europa verlieren. Als Wille ohne Vorstellung kann Europa nicht wachsen.

Wir wollen Europa für die Bürgerinnen und Bürger. Also wollen wir eine Stärkung des Parlamentes ebenso wie durchschaubare, effiziente Verfahren. Also wollen wir eine Verständigung auf europäische Bürgerrechte, die allen Menschen ähnlich einer Verfassung unveräußerliche Rechte garantiert. Also wollen wir eine gemeinsame Innen- und Sozialpolitik, damit eingelöst werden kann, was politisch als Ziel proklamiert wird. Also wollen wir nach dem europäischen Binnenmarkt nun auch eine - jedenfalls in den Grundzügen - zielbewußte Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik.

Daraus erst entstehen jene Grundlagen im Denken und in den Herzen der Menschen, die Europa Sinn und Seele geben. Das gemeinsame Geld gehört dazu; an ihm sollten möglichst viele beteiligt sein, um allen wirtschaftliche Stärke und soziale Stabilität zu sichern. Deshalb sind uns die Kriterien des Maastrichter Vertrages wichtig, jedenfalls wichtiger als der Zeitplan. Denn von der Stabilität in der Wirtschaft, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Währung hängen europäischer Fortschritt und die Arbeit von Menschen gleichermaßen ab. Niemals wird sich ein Sozialdemokrat leichtfertig darüber hinwegsetzen, daß allein in der Europäischen Union zwanzig Millionen Menschen unter Arbeitslosigkeit leiden.

Gemeinsame Überzeugung in der Bundesrepublik war es bisher, daß die neue europäische Währung mindestens den gleichen Stabilitätsgehalt wie die D-Mark hat. Dies ist notwendig, um Inflationsängsten vorzubeugen, aber auch, weil bei der Globalisierung der Geld- und Kapitalmärkte die Stabilität der Währung im internationalen Wettbewerb um Sparkapital ein entscheidender Vorteil ist.

Die erste Forderung ist, daß nach dem Eintritt in eine Europäische Währungsunion zumindest deren Mitgliedsländer ihre Haushalts- und Fiskalpolitik besser aufeinander abstimmen als es der EU-Vertrag vorsieht, damit die Europäische Zentralbank bei Fehlverhalten von Mitgliedsländern in ihrer Geldpolitik nicht überfordert wird und damit die stabilitätsbewußten Länder nicht für das Fehlverhalten eines Partnerlandes durch die Geldpolitik oder durch die Märkte mitbestraft werden. An die Bundesregierung richtet sich der Vorwurf, daß sie solche Verabredungen zwar fordert, nicht aber sagt, wie sie aussehen sollen.

Gerade wer die Kriterien ernst nimmt, kann die Augen nicht davor verschließen, daß die im Maastrichtvertrag vorgesehene und durch Ratifizierung gebilligte Situation eintreten kann, daß es in der EU zu einer Spaltung zwischen Mitgliedsländern und Nichtmitgliedsländern der Europäischen Währungsunion kommt. Um dies zu verhindern, ist es dringend notwendig, daß endlich Vorstellungen auf den Tisch kommen, die die Anbindung der Währungen der Länder, die nicht zu Beginn Mitglieder der Währungsunion sind, an die Gemeinschaftswährung regeln. Auch hier ist die Bundesregierung im Wort, nur von konkreten Vorstellungen hat man noch nichts gehört. Ich habe deshalb seit längerem eine Wiederbelebung der Politik engerer Bandbreiten zwischen den Währungen angeregt, wie sie Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt im Europäischen Währungssystem angelegt hatten.