Soweit hat es kommen müssen: Novell verkauft Wordperfect - und zugleich das ganze Sammelsurium an Anwendungssoftware, das in den letzten Jahren zusammengekauft worden war, darunter die Tabellenkalkulation Quattro Pro. Eine Restrukturierung, sagt die Wirtschaft. Architekten würden sagen: ein Zusammenbruch.

Vor neunzehn Monaten erst hatte Novell die Firma Wordperfect von den beiden Gründern Alan Ashton und Bruce Bastian erworben - für 855 Millionen Dollar. Nun versucht der strauchelnde Netzwerk-Riese, mit einem Verkauf für 200 bis 300 Millionen halbwegs aus dem Schneider zu kommen. Dieser Preisverfall liest sich dramatisch, bringt aber nur annähernd zum Ausdruck, wie Wordperfect bei Novell unter die Räder gekommen ist.

Zwölf Jahre lang ist das gleichnamige Programm die Nummer eins unter den Textverarbeitungen gewesen. Angefangen hatte die ruhmreiche Geschichte mit einer Idee: Alan Ashton, Informatikprofessor an der Brigham-Young-Universität in Utah, und Bruce Bastian, der Leader der dortigen Universitätsband, begnügten sich nicht damit, ihr neues Programm einfach auf den Markt zu werfen. Sie spannten auch noch ihre Studenten dafür ein. So konnten sie den Kunden, die Probleme mit der Software bekamen, kostenlose Hilfe per Telephon anbieten. Damit gewann Wordperfect die Gunst der Anwender - und stach das zur gleichen Zeit gestartete Konkurrenzprodukt Wordstar aus.

Spötter meinten von Anfang an, das mit vierfach belegten Funktionstasten glänzende Programm sei ohnehin nur mit Universitätsdiplom und Telephon zu beherrschen. Tatsächlich hatte Wordperfect vor allem im akademischen Milieu Erfolg. Im amerikanischen Justizwesen hält es heute noch einen Marktanteil von über neunzig Prozent.

Zu den Glanzzeiten von Wordperfect saßen mehr als 600 festangestellte Helfer an den Telephonen. Im Jahre 1991 hatte sich ihre Arbeit auf wahnwitzige 8,3 Millionen Mannjahre summiert.

Kein Wunder, daß das Programm überaus beliebt war. Es bedurfte einer Kette von Fehlentscheidungen, um es schließlich zu Boden zu zwingen. Als erstes beschloß die Firma Wordperfect, Microsofts neues Betriebssystem Windows zu ignorieren. Statt dessen setzte sie auf die vermeintlich große Zukunft von OS/2. Als die Dinge sich anders entwickelten, kam dann doch noch eine Version für Windows heraus. Die war aber so schlecht geraten, daß sie die Kunden geradewegs in die Arme von Microsofts Word trieb.

Zu allem Unglück hatte Wordperfect da auch schon begonnen, den Kundendienst abzubauen - in der Hoffnung, im Zeitalter der komfortablen Windows-Programme sei so etwas kaum mehr nötig.