Selmir ist fünfzehn und Bosnier. Zusammen mit Igor, Nariman und Marija geht er in München zur Schule. In ihrer Heimat, die einmal Jugoslawien hieß, wäre das unmöglich: Jugendliche aus Kroatien, bosnische Serben, serbische Serben und Muslime drücken zusammen die Schulbank. "Natürlich keine einfache Situation", erklärt Maria Edin-Kroll, die Klassenlehrerin der neunten Klasse in der Hauptschule an der Alfonsstraße.

Zwei Drittel ihrer Schüler kommen aus dem Ausland, allein dreizehn aus dem ehemaligen Jugoslawien, hier aufgewachsen oder geflohen vor dem Krieg. Im Klassenzimmer hängt eine große Balkankarte, auf der Nadeln ihre Geburtsorte markieren, eingestochen bei Städten, deren Namen die deutschen Mitschüler nur aus den Nachrichten kennen: Prijedor, Tuzla, Sarajevo.

Für Nariman, Selmir und die anderen bedeuten die Nadeln aber auch, wo das Haus ihrer Eltern niedergebrannt, wo Freunde getötet wurden. Neben der Landkarte haben sie Zeitungsausschnitte über den Bürgerkrieg und zwei weitere Karten angepinnt, ein Spiegel des jugoslawischen Dramas. Die eine zeigt Großkroatien, wie es sich kroatische Politiker vorstellen, die andere Großserbien nach den Plänen der Serben. Dazwischen leuchtet ein orangeroter Papierbogen in Postergröße. "Wir wollen keine Feinde sein", haben die bosnischen, serbischen und kroatischen Jugendlichen in großen Lettern daraufgepinselt und dann unterschrieben.

Donnerstag nachmittag, 17 Uhr. Wie jeden Donnerstag treffen sich auch heute wieder Marinko, Dalibor und Andreia zusammen mit ihrer Lehrerin und jugoslawischen Schülern aus anderen Klassen in ihrem Klassenzimmer. "Arbeitsgemeinschaft für Zeitgeschichte" heißt die freiwillige Veranstaltung, bei der es immer um dasselbe Thema geht: den Krieg in der Heimat, den möglichen Frieden und was das für sie alle bedeutet. "Ich habe gemerkt, daß jemand den Schülern helfen muß, diese Eindrücke zu verarbeiten, wenn sie abends die Bilder aus Bosnien im Fernsehen sehen. Mit ihren Eltern können sie oft darüber gar nicht sprechen", erzählt Maria Edin-Kroll. Vor drei Jahren schon hatte sie die Idee mit dem Arbeitskreis: "Man muß nur ihre Aufsätze lesen, dann bekommt man eine Ahnung davon, was in denen vorgeht."

Marko hat vor einiger Zeit zum Thema "Ich stell' mir vor, ich bin ein Gegenstand" geschrieben: "Ich bin ein Gewehr, ein schwarzer Rahmen mit zwei braunen Griffen. Manchmal werde ich für gute Zwecke gebraucht, für das Verteidigen eines Landes gegen einen Aggressor, doch manchmal auch für sinnloses Erobern anderer Länder, für Massenhinrichtungen unschuldiger Menschen, für Massaker. In vielen Kriegen habe ich weite Landstriche menschenlos gemacht. Manchmal würde ich mir wünschen, daß es mich nie gegeben hätte, weil ich so viel Unglück, Tod, Verzweiflung, Terror und Haß in die Welt gebracht habe." Besonders dramatisch empfindet die Lehrerin die Situation ihrer Schüler, wenn sie aus Ex-Jugoslawien zurückkommen: "Trotz des Krieges fahren die Familien in den Ferien immer nach Hause, teilweise auf abenteuerlichen Routen an den Fronten vorbei. Wenn sie dann wieder hier sind, sitzen einige meiner Schüler kreidebleich und sprachlos an den Schulbänken."

Andere reden sich ihre Erlebnisse von der Seele. Dejan erzählte mit einer Mischung aus Stolz und Angst von seinem älteren Bruder und von dessen Panzerfahrten bei der Armee. Und Aleksandar, ein bosnischer Serbe, hat mit 15 schon sein erstes Kriegserlebnis hinter sich, als 150 Meter hinter dem Haus seiner Eltern die Front verlief. Soldaten haben ihm gezeigt, wie man mit einer Handgranate umgeht, und mit einer Kalaschnikow hat er auch schon geschlossen. "Auf Menschen?" fragen ihn die anderen Schüler. "Nein, nein, nur mal so in die Bäume geballert, passiert ist dabei nichts." Und schon ist die Diskussion voll im Gange. "Würdest du auch auf Menschen schießen?" fragt eine Klassenkameradin. "Nein, nein, niemals. Aber wenn ich angegriffen würde. Ich müßte mich doch wehren.

Vielleicht doch."