Die Yetis sind frech geworden. Gleich drei der seltenen zotteligen Bergwesen turnen ohne jede Menschenscheu zwischen den bibbernden Ehrengästen herum, die sich ihre blauen Mützen fester über die Ohren ziehen. Den Musikern der Bourbon Street Jazz Band wehen Schneeflocken in Posaune und Tuba. An ein Dach über der Bühne hat niemand denken wollen, heißt der Anlaß der Zusammenkunft knapp 3500 Meter über dem Meer doch "Wintersonne". Unter diesem Titel eröffnet die Schweiz ihre touristische Werbekampagne für die bevorstehende Skisaison.

Bedauerlicherweise zeigt Frau Holle den 400 Gästen auf dem Jungfraujoch die kalte Schulter. Schneit die Schüsseln ein, in denen der Käse für das Weltrekordfondue köchelt, weicht Brot und Semmeln auf und deckt das Bündner Fleisch in aller Stille zu. Den Veranstaltern dieses "Events" sind die Mienen gefroren: Kein Viertausenderpanorama mit dem prominenten Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger, sondern eine Waschküche, in der aus aller Herren Länder eingeflogene Journalisten fröstelnd von einem Bein aufs andere treten.

Schemenhaft taucht gelegentlich ein Ensemble Schlittenhunde aus dem Gestöber auf, um auf einem kleinen Rundkurs eine nicht gerade landestypische Art der Fortbewegung vorzuführen. Bergsteiger verlieren sich nach wenigen Metern im unheimlichen Weiß der Wände. Gelegentlich gleitet ein Velogemel vorbei, jene praktische Kreuzung aus Fahrrad und Schlitten. Mit einer Kreissäge kreiert Eismeister Toni Brawand schimmernde Pinguinskulpturen aus Eis.

Überall geben gutgelaunte Aktivisten sachdienliche Hinweise zur vertikalen oder horizontalen Benutzung dieser hochalpinen Gegend während der Winterzeit. Auf einem kleinen Hang praktizieren ein paar Skiläufer eher unbeachtet demonstrative Schwünge. Es soll sich bei ihnen, so erläutert der wetterfeste Moderator, um Mitglieder der Schweizer Skinationalmannschaft handeln, doch ihre Namen kennt keiner. Wenn wenigstens Vreni Schneider da wäre, aber das Schweizer Brettldenkmal wedelt nicht mehr.

Alles Schnee von gestern. Der Zahn des Zeitgeists hat heftig am Ruf der Schweiz als klassischer Destination für Winterfrische genagt. Betten bleiben leer, Hotels machen pleite, die drittgrößte Wirtschaftsbranche des Landes steckt in einer tiefen Krise. Vom großen Kuchen des weltweiten Tourismus konnte sich die Schweiz in den fünfziger Jahren stolze acht Prozent abschneiden - derzeit sind es nur noch drei Prozent. Skifahren kann man heute für viel weniger Geld in Polen oder der Tschechischen Republik. Selbst Kanada oder die USA kommen trotz des weiten Flugs mit günstigeren Pauschalangeboten auf den Markt.

Der harte Schweizer Franken hat den Urlaub zwischen St. Moritz und Saas Fee für die meisten Ausländer drastisch verteuert. Anfang des Jahres verursachte die Einführung der Mehrwertsteuer auf touristische Dienstleistungen einen weiteren Preissprung von zehn Prozent. "Das einzige, was es hier noch billiger gibt als in Deutschland, ist Müsli", registriert eine deutsche Boulevardjournalistin entrüstet. So was könne sie ihren Lesern doch nicht empfehlen.

Touristen, die auf das Geld schauen, machen einen weiten Bogen um die Schweiz, die gerade die schlimmste Sommersaison seit über vierzig Jahren hinter sich hat. Schmerzlich nehmen die Eidgenossen zur Kenntnis, daß sie nicht länger auf einer Insel der Seligen wohnen. "Wir können nicht mehr auf unseren Bergen sitzen und warten", ruft Bundesrat Adolf Ogi auf dem Jungfraujoch den wirbelnden Schneeflocken entgegen. "Wir müssen uns der internationalen Konkurrenz stellen."