Leidensgenossen erkennen sich spätestens am Lachen. Mehr als einen Brustkorb voll Schmerz vermag keiner zu tragen. Mit der Wahrheit kann man drei Leute entzweien.

"Allerwirtsweisheiten" von Walle Sayer, geboren 1960 in Bierlingen, Kreis Tübingen. Der Autor, 1994 mit dem Thaddäus-Troll-Preis geehrt, lebt in Dettingen bei Horb. Wir finden die Sprüche in Sayers neuem Buch: "Kohlrabenweißes. Menschenbilder. Ortsbestimmungen" - Prosazyklen. (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen; 161 Seiten, 34 Mark)

Hallo, Albert!

Zugegeben, anfangs konnte man eine gewisse Skepsis nicht abstreiten: "Jazz played in Germany" - 50 Jahre deutscher Jazz, als Motto des Berliner Jazzfests '95? Dem bisherigen Festivalleiter George Gruntz, Schweizer von Geburt, wäre dies als multikulturelle Geste honoriert worden, aber als thematische Visitenkarte des lang verehrten und liebevoll geschätzten deutschen Posaunisten und neuen künstlerischen Leiters Albert Mangelsdorff? Darf man sich das so denken: "Hallo Albert, hier ist der Wolfgang. Ich hab' gehört, daß du jetzt die Jazztage machst." Zu schlicht gedacht? Eher doch als Klassentreffen konzipiert, als musikalisches Verdienstkreuz? Oder Mangelsdorff plante einen Präventivschlag: alle Kumpels im ersten Jahr auf die Bühne, alle auf einen Streich, damit er 1996 seine Ruhe hat? Wie spricht der Meister? "Bei den meisten deutschen Teilnehmern ging es ja vor allem darum, daß sie mal wirklich berücksichtigt sein sollten." 50 Jahre! Deutscher Jazz! Kaum einer war jünger als 50! Und die beiden Bandleader unter 50 spielten wie die alten oder traten erst um 23.00 Uhr auf. "Es gibt eine Menge jüngerer guter Musiker, die aber alle noch erst mal ihre Persönlichkeit finden müssen", meint Mangelsdorff. Doch: wo bitte? Die Skepsis weicht der Gewißheit: Der sichere Blick zurück füllt die Säle. Das Jazzfest Berlin findet in Zukunft in der Vergangenheit statt. Hallo! Albert? Hallo?

Kleist im märkischen Sand

Sie behandeln ihn noch immer schlecht, die Berliner und Brandenburger, ihren größten Dichter: Heinrich von Kleist. Die BKA, die Berliner Kleist-Ausgabe, mußte vor Jahren schon in Brandenburger Kleist-Ausgabe umbenannt werden, weil die Kulturbürokraten der alten Hauptstadt unfähig waren, die einzige historisch-kritische Werkausgabe zu fördern, die nicht nur in wissenschaftlichen Absichtserklärungen existiert, sondern im Verlag Stroemfeld in Frankfurt kontinuierlich erscheint. Zwar schmückt sich das Land Brandenburg, auch international, gern mit den von Roland Reuß und Peter Staengle herausgegebenen Bänden, ("Konstruktive Brandenburger Kulturpolitik"), tut aber so wenig für die Edition, daß sich die beiden Wissenschaftler jetzt zu einem Offenen Brief an den verantwortlichen Minister in Potsdam, Steffen Reiche, gezwungen sehen. Entweder hat man in Reiches Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur nicht einmal mehr das Porto für einen Antwortbrief auf viele Anfragen, oder es fehlt an den Grundregeln der Höflichkeit, von der Verantwortung gegenüber der steuerzahlenden Öffentlichkeit zu schweigen. Wenn Reiche sich an die Versprechen seines Vorgängers, Hinrich Enderlein, nicht mehr gebunden fühlt und die vom Bundesinnenministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte BKA nicht mehr mitfinanzieren will, sollte er das offen sagen und nicht durch "hinhaltendes Schweigen" und "obrigkeitsstaatliche Bürokratie" eine Edition gefährden, die dem Land Brandenburg Ehre macht.

Dostojewskij in Baden-Baden