Vor drei Jahren etwa, erzählt Michael Hahn, sei er zufällig im Lager einer Galerie gelandet. Dort, im Keller, hätten viele, viele Bilder herumgestanden, "eingesperrt" hinter Vorhängeschlössern und verpackt in Bubbel-Folie. "Die taten mir richtig leid. Die Bilder und die Künstler auch."

Die muß raus aus den Kellern und ran an die Wände, "diese schöne Ware", sagte sich Hahn, ein schwäbischer Unternehmer in Köln, bekleidet mit schwarzer Hose, schwarzem Rolli und ebenfalls schwarzen, mit Prägekroko getunten Stiefeletten. Der Selfmade-Mann hat die größte Reisebürokette des Landes aus dem Boden gestampft (Atlas Reisen, 600 Büros) und könnte eigentlich Däumchen drehen. Zart jedoch keimte der Wunsch in ihm, "die Kunst zu befreien". Er wußte bloß noch nicht genau, wie und vor allem: welche Kunst. Denn ein Kunstkenner ist der Marktstratege Hahn, auch "big chicken" genannt, nicht unbedingt. Aber ein Kunstliebhaber ist er, ganz allgemein.

Als er im vergangenen Januar seine Anteile an den Atlas Reisen dem Lebensmittelkonzern Rewe verkauft und ein paar zusätzliche Mark in der Tasche hatte, fuhr er nach Mallorca, wo er auszuspannen pflegt. Dort erzählte er in einer besinnlichen Nacht seinem Freund, dem Kölner Kneipier (Spitz-Betriebe) und Schriftsteller Frank Schauhoff, von seiner heimlichen Liebe zur eingesperrten Kunst und dem Vorhaben, diese auf neue Art und Weise ins Geschäft und unter die Leute zu bringen. Der Kunstmarkt tue sich schwer, die Galeristen jammerten, die Atmosphäre in ihren schicken Galerien sei vorwiegend weihevoll: "Wichtige Gesichter, elitäres Gehabe - abschreckend!" Die Kunden, verunsichert, blieben weg. Da müsse man "rein marketingmäßig" überlegen, was zu tun wäre, damit der Normalverbraucher sich der Kunst wieder zu nähern wage, ohne Angst haben zu müssen, in anstrengende Gespräche verwickelt zu werden.

Schauhoff, dessen Werk namens "Ein Jahr auf Mallorca" übrigens zur Zeit als Fortsetzungsroman die Leser des Kölner Stadtanzeigers erfreut, gab ihm den guten Rat: Ruf doch mal den Reiner an, der kennt sich aus im Kunstbetrieb.

Der Reiner ist "der Fachmann, der die Ware kennt" (Hahn), der Partner, den er gesucht hatte. Reiner Opoku, 34 Jahre alt, kann ebenfalls auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken. Vom Besitzer der einstigen Kölner Szenekneipe "Atomic Café" und Chef des American Football-Teams der Domstadt avancierte der Zweihundertpfünder über ein Volontariat als Leibwächter des Künstlers Georg Dokoupil zu dessen Agenten und dem weiterer Künstler. Bis vor sechs Wochen stand er außerdem noch als Verkaufsdirektor für Asien, Australien und Osteuropa in Diensten des Kölner Benedikt Taschen Verlags, der bekanntlich mit großen Auflagen und kleinen Preisen die Kunstbuchbranche aufgemischt hat.

Hahn und Opoku legten los, der Idee, Kunst auf neue Art zu vermitteln sowie die Nachfrage anzustacheln, handfeste Form zu verleihen. Hahn hat einen siebenstelligen Betrag hingelegt, "nutzbringend", wie er hofft.

Am 15. November eröffnen sie nun, was spitze Zungen als "diesen Supermarkt da" bezeichnen; gerade wenn sich zur Art-Cologne-Messe in der Kunststadt Köln trifft, wer in der Welt der Kunst und des Kunsthandels Rang und Namen hat. An der modernistisch geschwungenen Fassade des Hauses Nr. 12 in der Apostelnstraße leuchtet in blauer Neonschrift "Kunsthaus". Das "h" überragt die übrigen Buchstaben des Namenszugs. Da müssen wir sofort an das Logo vom Kaufhof denken - fast dasselbe in Grün. Genau wie der Kaufhof ist auch das Kunsthaus ein Kaufhaus. Eines, in dem man Kunst kaufen kann und sonst gar nichts, das erste seiner Art. Kaufhaus-Kunst gibt es hier aber nicht - die Zigeunerin in Öl muß draußen bleiben, das Alpenglühen findet anderswo statt.