Ein hartnäckiges Vorurteil erwartet von den Geisteswissenschaften, insbesondere der Philosophie, eine Art Orientierungswissen: unsere Zeit in Gedanken gefaßt. Damit haben sich die Philosophen seit je schwergetan. Mal geriet ihnen zu lang, ein anderes Mal zu sperrig, was einfach nur Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben sollte. Die Geschichte der Philosophie ist so gesehen immer auch die Geschichte enttäuschter Erwartungen, gegenseitigen Mißverstehens und heftigen Argwohns.

Die philosophische Moderne bezog ein wesentliches Motiv aus ihrem pädagogischen Auftrag, allgemeinverständlich zu sein, Wissen und damit Orientierung allgemein zugänglich zu machen. Doch diese Zeiten scheinen endgültig vorüber. Die Zeiten sind postmodern, von Pädagogik fehlt jede Spur, und alles, was irgendwie auf Allgemeinheit zielt (ob -verständlichkeit, -gültigkeit oder -verbindlichkeit), ruft eher Müdigkeit hervor als Interesse und Engagement. Auch der bisweilen letzte, sehr trickreiche Versuch, die Moderne zu retten, will nicht so recht gelingen: Die Warnung vor Unübersichtlichkeit und neuem Irrationalismus sollte vielleicht verirrte Seelen aufschrecken und aus der grassierenden Unverbindlichkeit in die heimatlichen Gefilde einer übersichtlichen Vernunftordnung zurücktreiben. So ließ sich trefflich vom Preis postmodernistischer Beliebigkeit räsonieren. Doch umgekehrt gilt ebenso, daß auch die Moderne ihren Preis hat - ob und inwieweit sie ihn wert ist, bleibt die Frage.

Das Philosophieren seit Kant steht im Zeichen der Endlichkeit. Der Mensch ist ganz auf sich allein gestellt, ohne eine ihm übergeordnete göttliche Instanz kann er Gewißheit nur noch bei und in sich selber finden. Die endlichen Aspekte seines Daseins werden ihm endgültig bewußt: Er ist sich eben nicht nur selbstbegründende Instanz, sondern zugleich auch sterblich, anfällig für Krankheiten, er kann sich irren und nicht alles wissen, und auch das Unbewußte entzieht sich seiner Kontrolle. Mit einem Mal stehen ihm die Natur, die Geschichte und die Gesellschaft als fremde Mächte gegenüber, die er sich nun, stets gefährdet, anzueignen sucht.

Diese Ungewißheit wird Kant schließlich zu der bangen Frage führen: Was ist der Mensch? In der Folge wird der Deutsche Idealismus, spätestens mit Hegel, noch einmal versuchen, die fragile Existenz des Menschen in der denkerischen Totalität eines geschlossenen Systems aufzuheben. Diese Entwicklung bedeutet eine noch immer nicht abgegoltene Hypothek und kaum überwundene Krise. Bis heute leidet die Vernunft an der Verengung auf Reflexivität und droht immer wieder, in selbstgenügsamen Autismus umzuschlagen.

Die entscheidende Frage lautet seitdem, wie die konstitutive Erfahrung der Moderne, der Einbruch der Endlichkeit, zu denken und angemessen zu fassen sei. Die Frage ist ein zentrales Motiv der hierzulande seit über zehn Jahren in schrillen Tönen geführten Auseinandersetzung zwischen Moderne und Postmoderne. Selbst die berechtigte Kritik an bestimmten Varianten postmodernen Denkens mußte dabei einen wesentlichen Punkt verfehlen, was sich ihrer Perspektive wie ein blinder Fleck einschrieb: So verschiedene Denker wie Michel Foucault, Jacques Derrida oder Jean-François Lyotard bestehen gleichermaßen auf der Erfahrung radikaler Endlichkeit. Es geht ihnen darum, die Moderne nicht länger zu ermäßigten Bedingungen zu denken.

In dieser Art, gerade ein genuin modernes Thema für sich in Anspruch zu nehmen, liegt die Pointe sogenannten postmodernen Denkens. Eine überfällige Konsequenz aus dieser paradoxen Verschränkung wäre der Verzicht auf rein polemische Gegenüberstellungen wie "Moderne" und "Postmoderne" oder "rational" und "irrational". Der Sache nach geht es nämlich um ein Denken, das die Moderne unkündbar offen thematisiert.

Das geschieht auf mindestens zweierlei Weise. Zum einen kann die Moderne auf ihre historischen Voraussetzungen untersucht werden, um in kritischer Absicht, gegen die systematische Verengung durch den Deutschen Idealismus und vergleichbare Selbstermächtigungsunternehmen, eine vielgestaltige und auf keinen philosophischen Mainstream festgelegte Vorgeschichte freizulegen. Dieser eher genealogischen Perspektive korrespondiert zum anderen eine eher archäologische, die im Sinne einer Ethnologie der eigenen Kultur die vielfältigen Binnendifferenzen der Moderne nachzeichnet.