Genau so stellen wir uns Amerika vor: Jemand pumpt sich ein paar zigtausend Dollar, macht damit ein Dings auf - das wirft schon nach wenigen Monaten Gewinn ab, ist im zweiten Jahr eine Goldgrube, und nach noch nicht zwanzig Jahren läßt es sich für den tausendfachen Einsatz, will sagen: für ein paar Zigmillionen veräußern. Das geschieht nicht nur im Silicon Valley.

Gilbert Edmond Kaplan: Sohn eines Hemdenschneiders aus Lawrence, Long Island, Jahrgang 1942; geht aufs College, studiert Ökonomie, fängt bei einem Broker an; entlockt einem Bankinstitut einen, siehe oben, Kredit, gründet damit den Institutional Investor, ein buntes Monatsmagazin über alles, das, und für jeden, der mit Geld und Big Business zu tun hat - und verhökert siebzehn Jahre später das inzwischen über ein Journal weit hinausgefächerte Informationssystem, siehe oben. Nur Tennis-Asse machen heute die Mark noch schneller.

Aber auch so müssen wir uns Amerika vorstellen: Dieser Gilbert E. Kaplan hatte als Kind zwar Klavierunterricht gehabt, doch der wurde, typisch, nach drei Jahren wegen mangelnder Bereitschaft zum Üben eingestellt. Etwas freilich war geblieben: "Ich kannte ein Basis-Repertoire - Beethoven-Symphonien, einiges von Mozart, Brahms und aus dem Barock." Den Vierundzwanzigjährigen nahm dann ein Freund mit zunächst in eine Probe, schließlich auch ins Konzert des American Symphony Orchestra unter dem greisen Leopold Stokowski. Das Programm damals: die zweite Symphonie von Gustav Mahler. Es war - beschreibt Gilbert Kaplan heute jedem, der ihn danach fragt, den Moment - "wie wenn man sich zum ersten Mal verliebt: zunächst nur eine unruhige Nacht, dann total hingerissen. Mahlers Musik hatte einen emotionalen Effekt auf mich, den Musik nie vorher hatte." Von dem Moment an steckte er jeden Dollar und alle Zeit, die er erübrigen konnte, in ein großes Vorhaben: "Mahlers Musik so gut kennenlernen wie nur eben möglich." Schnell fing er an zu differenzieren. Die Neunte fand er "ziemlich intellektuell". Die Sechste wie die Siebente waren ihm zu "schwierig". Von der Achten gar glaubt er noch heute nicht, daß sie "ein besonders großes Werk" sei. Dennoch gilt für ihn (und er benutzt plötzlich die Baseballer-Sprache): "Mahler hat den höchsten batting average (Trefferquote); alle Symphonien erreichen die höchste Anzahl von home runs (Lauf um sämtliche Male auf einen Schlag). Das kann man weder von Mozart noch von Beethoven sagen." Indes: Keine ist ihm wie die Zweite.

Gilbert Kaplan besorgt sich alles, was mehr Information über diese Symphonie verspricht: alle verfügbaren Schallplatteneinspielungen (inzwischen 66 - sechsundsechzig), Briefe, Sekundärliteratur; studiert die Änderungen, die Mahler bei und nach seinen Dirigaten in der Partitur wie in den Orchesterstimmen vornahm; kauft sogar das Autograph der Partitur und gibt von ihr einen prächtig in kardinalrote Seide gefaßten Faksimile-Band heraus; wird zum Experten, der auf wissenschaftlichen Symposien mitre den kann, der die Star-Dirigenten in Diskussionen über Details verwickelt; der einem ein Oberseminar privatissime et gratis gibt über Minimal-Varianten in der Dynamik einer Baßfigur, über eklatante, aber von nahezu allen Dirigenten ignorierte Differe nzierungen der Phrasierung und Artikulation oder die strukturellen Schichten aus heterogenem musikalischen Material (das er, Hermeneutiker bester alter Schule, als "Idee von Sonnenschein und düsteren Wolken" interpretiert - Takte 48 ff). Und der schließlich zu erkennen glaubt, daß er - "um das Puzzle zu lösen und um alles das auszudrücken, was ich weiß über und was ich empfinde bei dieser Musik, um die Antwort auf das Geheimnis zu finden und zu geben" - das Werk nur selber dirigieren könne.

Gilbert E. Kaplan nimmt Dirigierunterricht bei einem Kapellmeister-Schüler der Juilliard School; reist hinter dem unter den Mahler-Dirigenten am meisten geschätzten Leonard Bernstein her, wenn der die Zweite dirigierte, diskutiert mit ihm über interpretatorische Freiheiten, und mehrfach geschieht es, daß "Lennie" vor seine Musiker tritt und bekennt: "Mister Kaplan hat gesagt, daß in Takt . . .; lassen Sie uns das also ändern."

Schließlich repräsentiert aber auch das Amerika: Für 5000 Dollar ist das American Orchestra zu mieten - und Gilbert E. Kaplan macht sich im Herbst 1981 daran, das "Puzzle zu lösen", riskiert, den ersten Satz von Mahlers Zweiter zu dirigieren, auswendig. Am 9. September 1982 dann feiert der Institutional Investor seinen 15. Geburtstag - und dies in New Yorks erstem Konzertsaal, der Avery Fisher Hall: Gilbert E. Kaplan, inzwischen Börsen-Berater, hier Vorstand, dort Aufsichtsrat in wichtigen Konzernen, dirigiert vor fast dreitausend business people die komplette Symphonie, auswendig, natürlich. Das Orchester hatte nur eine Bedingung gestellt: keine Kritiken in einer Zeitung. Newsweek und die Village Voice brechen das Gentleman's Agreement - aber auch das Orchester zeigt sich überrascht und beeindruckt: Die Aufführung wird öffentlich wiederholt.

Und das sind nun wir, das ist der Lauf dieser Welt: Die "Sensation" entwickelt ihre Eigendynamik in einer Kettenreaktion. Der bunte Vogel, der Außenseiter, der es geschafft hat, der uns ein Analog-Beispiel gegeben hat, daß und wie auch unsere kühnsten und skurrilsten Träume Wirklichkeit werden können: Er soll an allen Ecken der Welt auftreten, selbst in Peking. Viermal pro Jahr sagt er heute zu, 40 Aufführungen mit 25 Orchestern hat er inzwischen hinter sich. Und die Vermarktung schlägt Purzelbäume: Das London Symphony Orchestra macht eine Platten-Aufnahme mit ihm (Atlantis Music Ltd./Innovative Music Productions/Pickwick Group DPCD 910), die eine höhere Auflage erzielt als die von Bernstein oder Karajan.