Bei Rhonda Winokur klingelt pausenlos das Telephon. Die Besitzerin des kleinen Naturkostladens in Rockledge, Pennsylvania, kommt mit den Bestellungen kaum nach. Alle wollen Melatonin, den Stoff, der Schönheit, Jugend und Gesundheit verspricht. Und in Sherwyn's Health Food Store in Chicago verkündet weithin sichtbar eine Neontafel: "Yes, we have Melatonin."

Das Wundermittel soll vor Krebs und grauem Star schützen, das Immunsystem stärken, Kraft und Anmut bis ins hohe Alter bewahren. Es wirkt - so heißt es - gegen Schlafstörungen und hilft, nach ermüdenden Langstreckenflügen den Jetlag zu bezwingen. Seit die amerikanischen Medien das menschliche Hormon Melatonin als Alleskönner priesen, kommen die Hersteller mit der Produktion nicht mehr nach, stürmen die Kunden die Drogerien und Naturkostläden. Bei KAL, einem Melatonin-Produzenten in Park City im Bundesstaat Utah, wurde in den vergangenen zwei Wochen so viel Melatonin ausgeliefert, wie das Unternehmen sonst im ganzen Jahr verkauft. "Melatonin Mania" kommentiert die Newsweek das verrückte Treiben. Dabei hatte das amerikanische Magazin den Boom selbst ausgelöst: Es erkor das Hormonpräparat im August zur "heißesten Pille des Jahrzehnts".

Seit einiger Zeit ist Melatonin auch in Deutschland erhältlich. Apotheken verkauften das Hormon bisher ähnlich wie Vitaminpräparate oder Mineraltabletten als Nahrungsergänzungsmittel - mit bescheidenem Erfolg. Erst die Medien sorgten mit reißerischen Meldungen dafür, daß die Apotheker in den vergangenen Tagen ihr Wunder mit dem "Wundermittel" erlebten.

Der Ansturm der Kunden machte auch die Behörden aufmerksam. Die Bundesvereinigung der deutschen Apothekerverbände warnte vor der unkontrollierten Einnahme des Mittels. Auch das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz in Berlin reagierte prompt. Die Beamten halten weder Wirksamkeit noch Unbedenklichkeit des Präparats für wissenschaftlich hinreichend belegt. Melatonin, heißt es in der Erklärung der Behörde, sei "eine Substanz mit pharmakologischer Wirkung", also ein Arzneimittel. Als solches aber ist das Hormon in Deutschland nicht zugelassen, der Verkauf illegal.

"Das ist eine völlig willkürliche Definition, ein Witz", empört sich Dieter Henrichs, Mitarbeiter der Supplementa GmbH in Münsig am Starnberger See. Seit einem Jahr hat das Unternehmen Melatonin im Programm. Nun wurde der Import von Amts wegen gestoppt. Das verheißungsvolle Geschäft ist für die Bayern gelaufen, bevor es so richtig begonnen hat.

Melatonin, genauer 5-Methoxy-N-Acetyltryptamin, ist ein körpereigenes Hormon und wird beim Menschen in der Zirbeldrüse, der Epiphyse, gebildet. Ärzte und Anatomen der griechischen Antike hielten sie für die mystische Eintrittspforte der Gedanken. Der französische Philosoph René Descartes vermutete hier gar den Sitz der Seele. Längst hat die moderne Wissenschaft die Epiphyse entmystifiziert, doch nun gerät sie wieder in den Mittelpunkt des spekulativen Interesses. Das erbsengroße Anhängsel an der Basis des Gehirns beginnt im dritten Lebensmonat mit der Melatoninproduktion. In der frühen Kindheit ist die Drüse dann in Hochform. Noch vor der Pubertät sinkt der Melatoninspiegel im Blut jedoch gewaltig. In den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts wurde das Hormon isoliert und seine Struktur aufgeklärt. Schon sehr viel früher hatten Anatomen in der Zirbeldrüse den Wächter der Keuschheit gesucht - sie sollten recht behalten: Der hohe Melatoninspiegel im Blut verhindert - so vermuten die Forscher - die Geschlechtsreifung. Aber auch nach der Pubertät nimmt die Melatoninmenge langsam, aber beständig ab. Sechzigjährige haben noch etwa die Hälfte des Botenstoffes im Blut, der sich bei Zwanzigjährigen nachweisen läßt. Besonders auffallend ist ein typischer Tag-Nacht-Rhythmus der Melatoninproduktion. Erst wenn es dunkel wird, kommt die Epiphyse auf Touren.

In den zwanziger Jahren hatten Anatomen entdeckt, daß Zellen in der Epiphyse von Fröschen auffallend den lichtempfindlichen Strukturen der Netzhaut ähnelten. Die Wissenschaftler vermuteten ein "drittes Auge" (siehe DIE ZEIT, Nr. 47/1994). Bei Säugetieren ist diese offensichtliche anatomische Übereinstimmung verlorengegangen. Doch noch immer wird die Funktion der Zirbeldrüse vom Licht beeinflußt. Wenn sie mit der Melatoninproduktion beginnt, meldet die steigende Konzentration des Hormons im Blut dem Körper die einbrechende Nacht - Schlafenszeit. Die Stoffwechselaktivität des Körpers wird reduziert, die Funktion der Schilddrüse gehemmt.