Neu-Delhi

Der indische Elefant hat lange geschlafen. Die kleinen Tiger des nordöstlichen und südöstlichen Asiens stürmten ihm in die Moderne voran; der chinesische Drache stürzte sich dreizehn Jahre früher in das Abenteuer der Wirtschaftsreform und der Öffnung zur Welt. Die Inder, die größte Demokratie der Welt und mit über 900 Millionen Einwohnern das zweitgrößte Volk der Erde, gaben sich erst 1991 einen Ruck - nach einer schweren Wirtschaftskrise, die das Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geführt hatte. Doch seitdem haben sie einen gewaltigen Satz nach vorn getan.

Der Sprung des Landes in die Reform war letztlich eine Folge der weltpolitischen Wende von 1989/90. Als die Sowjetunion nach dem Ende des Kalten Krieges zerplatzte, verlor Indien nicht nur einen großen Freund - es büßte zugleich einen riesigen Markt ein. Mit dem Sowjetkommunismus wurde auch die indische Version des Sozialismus ihres Nimbus entkleidet. Vier Jahrzehnte Planwirtschaft erwiesen sich mit einem Schlag als Irrweg. Das Pochen auf Autarkie nützte nichts mehr. Dem Trend zur Globalisierung konnte sich die Regierung nicht länger entgegenstemmen, wenn sie das Land wirklich aus der Rückständigkeit herausführen wollte. Es blieb ihr nur die Flucht nach vorn.

Aber der Durchbruch gelang. Und fortschrittlich Gesinnte haben zum ersten Mal das Gefühl, das ein prominenter Wissenschaftler auf die Formel brachte: "Die Gegenwart ist nicht mehr Verlängerung der Vergangenheit, sondern Startrampe in die Zukunft." Vor fünf Jahren reichten die indischen Währungsreserven noch für knapp vierzehn Tage, heute liegen sie wieder bei zwanzig Milliarden Dollar. Die Inflationsrate ist von damals siebzehn Prozent auf acht Prozent gesunken. Die Wachstumsrate kletterte von einem Prozent auf runde sechs Prozent, in der Industrieproduktion sogar auf dreizehn Prozent; das Exportvolumen nahm jährlich um ein Fünftel zu. Finanzminister Manmohan Singh, der "Ludwig Erhard Indiens", kehrte vierzig Jahren sozialistischer Zentralverwaltungswirtschaft den Rücken, ließ in fast allen Sektoren private Investitionen zu, baute die Importbeschränkungen ab, senkte die Zollsätze und hieß ausländisches Kapital willkommen. Das Ergebnis: Indien ist heute kaum wiederzuerkennen.

Produkte des Westens sind auf einmal überall zu haben. Reebok-Turnschuhe und Lacoste-Hemden, Suzukis und Mercedes-Limousinen werden im Lande hergestellt; Levi und Benetton lassen dort für sich arbeiten. Die Gartenstadt Bangalore ist zum "Silicon Plateau" Indiens geworden, wo Siemens, Bosch und die Deutsche Bank, Motorola, IBM, Microsoft und Hewlett-Packard Software produzieren; das Exportvolumen dieses Sektors - 1990 noch knapp hundert Millionen Dollar - soll in zwei Jahren die Milliardenschwelle überschreiten. Überall wurden Joint-ventures gegründet. Es gibt allein 388 deutsch-indische Unternehmungen. Dabei ist alles vertreten, was in der Industrie der Bundesrepublik Rang und Namen hat.

Keiner der deutschen Manager würde es sich leisten, China aus den Augen zu verlieren. Viele blicken neuerdings jedoch mit bemerkenswertem Wohlwollen auf Indien. Es leben dort fast so viele Menschen wie im Reich der Mitte. Wohl unterliegt das Land den Anfälligkeiten und Zögerlichkeiten aller Demokratien, aber nicht der abrupten Wechselhaftigkeit der chinesischen KP-Diktatur; das indische Rechtssystem ist im Vergleich zum unterentwickelten chinesischen von hoher Verläßlichkeit und Berechenbarkeit; die allgemein geläufige englische Sprache erleichtert das Geschäft; auch kopieren die Inder nicht schamlos die Erzeugnisse ihrer ausländischen Partner.

Gewiß, die Reformen lassen noch vieles zu wünschen übrig. Die ökonomische Infrastruktur - Straßen, Bahnen, Häfen, Flughäfen - ist so unzureichend wie die gesellschaftliche Infrastruktur - Bildung und Ausbildung, Gesundheitswesen und Sozialfürsorge. Die Energieversorgung ist absolut unzureichend, Stromausfall eine ständige Erscheinung; kein ausländisches Unternehmen verzichtet auf Generatoren und Batteriekammern, um den schlimmsten Abstürzen vorzubeugen.