Zum Beispiel sagt er: Köppe. Und daß er sie kaputtgekloppt hat, mit einem Tuch drüber. Fritz Haarmann, der Massenmörder von Hannover, glaubt, daß tote Augen sehen können. Deshalb das Tuch.

Nachdem sie ihm in der Anstalt den Kopf kahlgeschoren haben, legt er die Hände auf sein Haupt, wie ein Kind aus Angst vor Schlägen. "Eine schöne Hand hat er", sagt er im Blick auf den eifrig mitschreibenden Stenographen. Der Professor fragt nach den Zehn Geboten. Du sollst nicht töten. Er habe es nicht gewollt, beteuert Fritz Haarmann und wiegelt ab: "Ooch, das sind doch nur Puppenjungs gewesen!"

Puppenjungs. Keine zwanzig Jahre alt. Stricher und Durchreisende vom Bahnhofsviertel. Fritze hat mit ihnen poussiert, poliert und gelutscht. Wenn einer gut geküßt hat, hat er ihn mit auf die Stube genommen. Am anderen Morgen lagen sie tot neben ihm. Totgebissen, vielleicht. Haarmann faßt sich an die Kehle. Bitterlich geweint hat er, daran kann er sich erinnern. Als er die erste Leiche kleinhackte, hat es Tage gedauert. Später ging es schneller. Is' nicht viel, so 'n Mensch.

Drei Männer, ein Raum. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Lampe. Im Lichtkegel: Haarmann und Dr. Ernst Schultze, der psychiatrische Gutachter. Götz George und Jürgen Hentsch. Im Hintergrund der Stenograph. Manchmal steht Haarmann auf und macht etwas vor. Oder er läßt sich einen Bleistift geben und macht sich Notizen, genau wie die anderen. Manchmal fällt Schultze aus der Rolle und regt sich auf: "Ein solches Schwein wie Sie habe ich überhaupt noch nicht gesehen." Der Stenograph sagt kein Wort.

Ein Kammerspiel. Schultze fragt, Haarmann antwortet, der Stenograph schreibt mit. Romuald Karmakar und Klaus Farin haben das Drehbuch nach den Protokollen der gerichtspsychiatrischen Untersuchung geschrieben, die im August und September 1924 in Hannover und Göttingen stattfand. Jeder Satz, selbst die Gesten sind historisch verbürgt (Christine Poszár, Klaus Farin [Hrsg.]: "Die Haarmann-Protokolle"; Rowohlt-Sachbuch; 640 S., 16,90 DM). Was ist die Hauptstadt von Deutschland? Wieviel mal 100 Meter sind 1000 Meter? Wer ist Christus? Wann haben Sie zum erstenmal gelutscht? Kurze Sätze. Haarmann spuckt sie aus. Ist entrüstet, verwirrt, willig. Er möchte ja alles sagen. Als er haarklein beschreibt, wie er seine Opfer zerstückelt hat, gerät er in Fahrt. Daß er geköpft wird, ist ihm recht. Bloß nicht wieder nach Hildesheim kommen, in die Irrenanstalt. Hildesheim ist schlimmer als der Tod.

"Der Totmacher" zeigt, fast zwei Stunden lang, nur Worte, Gesichter und Blickwechsel. Dennoch bringt er, in der komplizierten Beziehung seiner Protagonisten, alles ans Licht: die Sensationslust, die öffentliche Vorverurteilung und den Justizskandal der viel zu späten Verhaftung des Polizeispitzels Haarmann. Die Verwirrung beim ersten Versuch einer Demokratie auf deutschem Boden. Den Massenmörder als Produkt einer Zeit zwischen den Kriegen. Und die Farce einer Vernehmung, deren Ergebnis von vornherein feststand, denn für ein Todesurteil mußte Haarmann zurechnungsfähig sein. Die Psychologie glaubte an minderwertiges Leben; bis zur Euthanasie war es nur ein kleiner Schritt.

Romuald Karmakar, 30, ist Autodidakt. In seinem ersten Film "Eine Freundschaft in Deutschland" (1985) spielte er Hitler, der als Münchner Trambahnfahrer verkleidet zum Faschingsball geht. In seinem bisher letzten Dokumentarfilm "Warheads" (1992) ließ er Fremdenlegionäre zu Wort kommen, die in Afrika und Bosnien für Geld Krieg führen. Mit seinem Spielfilmdebüt bleibt Karmakar seiner Methode der unvoreingenommenen Befragung von Tätern treu und erstellt so ein doppeltes Dokument. "Der Totmacher", sagt der Regisseur, sei ein Dokumentarfilm über Schauspieler, die historische Figuren darstellen. Also auch ein Film über seinen Hauptdarsteller: Götz George.