Als der jüngste Balkankrieg begann, wagte der Westen große Worte. Wer immer die jugoslawische Karte mit Gewalt verändern wolle, müsse wissen: Nichts davon werde jemals anerkannt. Jetzt, nach dreieinhalb Jahren des mörderischen Kampfes, der ungefähr 200 000 Tote forderte und Millionen von Menschen zu Flüchtlingen machte, ist der Westen gezwungen, die Ergebnisse dieses Krieges mit eigenen Truppen zu garantieren - nur damit das Morden ein Ende findet.

Die Mächte der Welt beugen sich der Macht des Faktischen. Nur deshalb fügten sich am Dienstag die drei Kriegsparteien, die Serben, Kroaten und Bosnjaken, dem Druck der internationalen Staatengemeinschaft. Trotzdem kommt das Abkommen von Dayton als Erlösung für die Menschen in Bosnien, es ist eine Erlösung auch für alle anderen Europäer. In einem Nervenkrieg dreiwöchiger Verhandlungen gelang dem amerikanischen Vermittler Holbrooke und seiner Regierung, was Bataillonen europäischer Diplomaten seit Jahren nicht glücken wollte: Sie brachten den beileibe noch nicht "ausgebrannten" Krieg in Bosnien zum Erlöschen, vorläufig zumindest. Für Europa markiert das Abkommen, das am Dienstag erst einmal paraphiert wurde, den wichtigsten Einschnitt seit dem Mauerfall.

Bosnien-Herzegowina erlebt weder einen Siegfrieden noch einen Erschöpfungsfrieden, die Parteien haben einen bitteren Kompromißfrieden geschlossen. Die Gründe für den Ausbruch des Krieges sind noch lange nicht alle beseitigt. Die Waffenruhe und das Abkommen sind von außen erzwungen worden, ihre Voraussetzungen aber wurden in Bosnien und Kroatien selbst geschaffen. Die Leistung der Amerikaner dabei war weniger die Durchsetzung der massiven Nato-Luftangriffe vom September, von denen die bosnischen Serben empfindlich getroffen wurden, als sie Friedensverhandlungen bereits zugestimmt hatten. Viel wichtiger war die amerikanische Vermittlung im muslimisch-kroatischen Krieg Anfang 1994. Zagreb und Sarajevo schlossen im Frühling 1995 einen Militärpakt. Gegen die ungleichen Verbündeten zogen die Serben in diesem Sommer den kürzeren. Als Holbrooke den Serben dann einen Plan vorlegte, der ihnen vorteilhafter erschien als alle bisherigen, waren sie verhandlungsbereit. Den Bosnjaken aber, die zum ersten Mal militärische Triumphe kosteten, wurde von Washington Selbstbeschränkung verordnet.

Auch wenn es keinen Siegfrieden gibt, so doch einen Sieger des Krieges: Er heißt Franjo Tudjman. Der kroatische Präsident hat alle Ziele erreicht. Er hat 1991 die internationale Anerkennung seines Landes erlangt, und er hat mit der gewaltsamen Eroberung der Krajina und dem Abkommen über Ostslawonien die Serben seines Landes in die Flucht geschlagen oder bedeutungslos gemacht; er hat außerdem mit der Gründung der muslimisch-kroatischen Föderation in Bosnien seinen Einfluß über Mostar bis Sarajevo ausgedehnt. Vielleicht fällt ihm die Hälfte Bosniens dereinst wie eine reife Frucht in den Schoß. Kroa-

tien ist neben Serbien die große Regionalmacht geworden.

Der serbische Präsident ist, gemessen an seinen Ausgangszielen, ein Verlierer des Krieges. Die Serben mußten ihre Siedlungsgebiete in Kroatien und Westbosnien aufgeben. Aber jetzt wird der Weltsicherheitsrat Milosevic mit der Suspendierung der Sanktionen gegen Jugoslawien belohnen, das langersehnte Ende der internationalen Isolierung steht bevor. Für den Serben ein wichtiger Erfolg.

Der eigentliche Verlierer des Krieges ist der bosnische Präsident und mit ihm sein Land. Die Bosnjaken haben die größten Verluste zu beklagen, ihr Gebiet bleibt trotz der Siege des Sommers zerrissen und eingekeilt von Serben und Kroaten. Alija Izetbegovic hat seit dem Referendum über die Unabhängigkeit immer für die Einheit Bosnien-Herzegowinas und eine starke Zentralregierung in Sarajevo gekämpft; er mußte zeitweise mit den Kroaten und bis zum Schluß mit den Serben Krieg führen. Das Abkommen von Dayton spricht von der Einheit Bosniens, die zwar die meisten Bosnjaken zurückwünschen, die aber viele Kroaten und die meisten Serben kategorisch ablehnen. Für alle drei Parteien bedeutet Dayton die Erlösung vom Krieg, nicht aber die Lösung ihres Konflikts.