Wien, im November, sechs Wochen vor der Neuwahl des Nationalrats. Vorbei am Heldenplatz, wo der Kanzler und der Präsident residieren, entlang der Ringstraße. Nur ein Politiker plakatiert sein Gesicht, goldbraun glänzend vor dottergelbem Hintergrund. Zu lesen ist: "Er hat Euch nicht belogen! Einfach ehrlich, einfach Jörg."

Am Ring, an der Schnittstelle von Rathaus und Burgtheater, von Parlament und Universität, steht das Nobel-Café Landtmann. Die Vormittage hier gehören Touristen, Politikern und Journalisten. Ein Kollege vom Standard zitiert einen Satz des Kritikers Hans Weigel: "Man kann nicht ruhig darüber reden." (Seiner Zeitung wird vorgeworfen, Jörg Haider zuzuarbeiten, weil sie gegen die Gagenerhöhung von Salzburgs Festspiel-Direktor Gérard Mortier ist.) Im Speisesaal erläutert ein jiddisches Theater aus Tel Aviv sein Wiener Gastspiel. Und in einem Extrazimmer lädt die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) zur Pressekonferenz zum Thema "Die Lügen des Dr. Haider".

Am Fensterplatz wartet ein parlamentarischer Mitarbeiter der Freiheitlichen (auch: FPÖ), der als Erkennungsmerkmal "Das Kunst Buch" der freiheitlichen Akademie vor sich liegen hat. Der Freiheitliche winkt einen Kellner zu sich: "Sind Sie nicht Gemeinderat bei uns?" Der Kellner schmunzelt. Dienstfertig übergibt er dem Parteifreund die Presseunterlagen der SPÖ, die er vorhin im Nebenraum hat mitgehen lassen - "Das könnte Sie interessieren!" -, und geht wieder seiner Arbeit nach. Später kommt der Oberkellner an den Tisch. Er kennt den Herrn Freiheitlichen offenbar besser und sagt scherzhaft etwas von "Gottvater". Der Ausdruck gefällt ihm. Ob der Reporter denn wisse, wer Gottvater sei? Der Parlamentsmitarbeiter klärt auf: "Der Herr ist von der ZEIT." Sagt der Ober: "Ah so, da muß man aufpassen!"

Haider, Haider, Haider. Nur die Schauspieler aus Tel Aviv haben andere Sorgen. Bei der Premiere am nächsten Tag werden sie auf offener Bühne in Tränen ausbrechen, als sie von der Ermordung Jitzhak Rabins erfahren. Aber sonst? Man kann nicht ruhig darüber reden, wenn man nicht zum Kellner im Café Landtmann geboren ist.

"Sie werden in Ihren weiteren Gesprächen sehen", meint der FPÖ-Mann, "daß wir als ganz üble Kulturkämpfer hingestellt werden, wir sind immer die Bösen." Sollten die Freiheitlichen nach dem 17. Dezember das Kulturressort übernehmen, dann würden die Künstler merken, "daß sie keine Angst vor uns haben müssen". Zwar würden fünfzig Prozent der Bundessubventionen für Kunst gestrichen, das schon, aber dafür werde man Steuererleichterungen für Sponsoren schaffen, "das wird ein Nullsummenspiel". Das zumindest ist rein rechnerisch Unsinn. Damit das zuträfe, müßte die Sponsorentätigkeit in Österreich (derzeit ein Prozent des Kulturbudgets) sich unter Haider schon verfünfzigfachen.

"Das Kunst Buch" ist eine Art Weißbuch einer "Bewegung", die sich zu Unrecht ins kunstfeindliche Eck gestellt sieht. Ein wirres Plädoyer für Idealismus und Naturverbundenheit, für eine Kunst, die von Können kommt, mit erhebenden Bildern ("in etwa original zu ihrer Originalgröße verkleinert abgebildet") aus der Sammlung Leopold, die der Staat kürzlich für umgerechnet mehr als 300 Millionen Mark ankaufte. Aber war es nicht die FPÖ, die im Parlament gegen den Ankauf ebendieser Sammlung gestimmt und Rudolf Leopold einen "vielleicht sogar pathologischen Fall" geheißen hatte? Mit dem, was sich zwischen den Freiheitlichen und den Künstlern in der Öffentlichkeit abspielt, haben saubere Bücher wenig zu tun.

In Wien hängt seit Anfang Oktober ein FPÖ-Plakat, das in gewisser Hinsicht ein Novum darstellt: Künstler-Schlechtmache als Parteiwerbung. Die roten Politiker Rudolf Scholten, Kunstminister, Michael Häupl, Wiener Bürgermeister, und Ursula Pasterk, Wiener Kulturstadträtin, aber auch Elfriede Jelinek, Schriftstellerin, und Claus Peymann, Burgtheater-Direktor, sind darauf auf eine Formel gebracht: "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk . . . - oder Kunst und Kultur? Freiheit der Kunst statt sozialistischer Staatskünstler". Illustriert ist der Schriftzug mit einer verlassenen Violine, die offenbar keiner der Genannten mehr anfassen will.

Eigentlich ist das Plakat Teil einer Vorkampagne zur Wiener Wahl, die im nächsten Frühjahr stattfinden wird. Nun hing es aber schon, als Neuwahlen ausgerufen wurden. Und bekam einen merkwürdigen Beigeschmack, als am 16. Oktober neue Briefbomben ihr Ziel fanden. Schon stecken

Kunst und Kultur mitten im Wahlkampf. Peter Turrini protestierte auf der Frankfurter Buchmesse als erster gegen die "gezielte Existenz- und Menschenvernichtung".

Der Kärntner Gernot Rumpold, seit sechzehn Jahren an der Seite Jörg Haiders, leitet die hauseigene Werbeagentur der FPÖ. Ihr Firmenname "1998" meint jenes Jahr, in dem Haider Kanzler werden wollte, bevor er mit der vorgezogenen Nationalratswahl auch seine Kanzlerpläne vorzog. Hier, in der Parteizentrale in der Kärntnerstraße, hat man Kunst als Marketing-Artikel schon länger entdeckt. Vor zwei Jahren hat die FPÖ bei einem Tiroler Kunstmaler ein Gemälde angekauft - pastellfarbene Kleckse mit Andeutungen von Fahnen in der Art eines Bettüberzugs -, das seither seine kunstsinnigen Dienste tut: als Plakathintergrund für den zweideutigen Slogan "Die Zukunft Österreichs ist unsere Kunst"; als Kulisse für Jörg Haider, wie er bei der Nationalratswahl vor einem Jahr 22,6 Prozent Stimmenanteil feiert; als Umschlag für "Das Kunst Buch".

Die Freimütigkeit, mit der der fröhliche Rumpold die Absichten hinter dem Jelinek-Peymann-Plakat erläutert, verblüfft: "Wir wollten halt ein bisserl Stimmung machen und die Bürgerlichen ansprechen, die sind ja auch nicht so begeistert von der Burg." Die Abfolge der Namen, die habe er sich so ausgedacht, um es denen, die immer die FPÖ kritisierten, einmal zurückzugeben - "Wir haben schon immer die witzigsten Plakate gemacht". Daß dieses ein solcher "Erfolg" würde, habe er, Rumpold, nicht zu träumen gewagt. "Das schlimmste für einen Werber ist, wenn du ignoriert wirst."

Peymann, als er vor dem Plakat stand, hatte ein "Zielscheibengefühl", und Elfriede Jelinek lief es kalt über den Rücken. Aber da war noch etwas: "Schweigen" (Jelinek). Kaum einer außer dem allzeit tapferen Peter Turrini "solidarisierte" sich. Und als dieser für seinen Frankfurter Auftritt auch noch ausgerechnet im haiderfeindlichen Wiener Falter bewitzelt wurde, da lief es Elfriede Jelinek, wie sie sagt, "noch kälter über den Rücken". Noch kälter?

In der Tat hat es den Umweg über die deutsche Presse, das deutsche Fernsehen gebraucht, bis das Plakat, mit dem ein fröhlicher Sonntagswerber ein bisserl Stimmung machen wollte, auch in Österreich diskutiert wurde. Weil das Plakat nicht abscheulich gefunden worden wäre? Weil Jelinek und Peymann keine Freunde haben? Nein, sondern weil viele es inzwischen für verkehrt halten, jede dumme Haider-Provokation postwendend zurückzuschicken.

Die Angriffe der FPÖ gegen Künstler haben eine Chronik und eine Methode. Die Chronik. Jörg Haider paraphrasiert 1988 Karl Kraus, auf Claus Peymann gemünzt: "Hinaus mit dem Schuft aus Wien!" In Kärnten wird 1991 gegen den Preisträger beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Urs Allemann, mobil gemacht, den Autor der Erzählung "Babyficker" nennt Haider einen "Babyficker". In Krems sammelt 1994 die FPÖ Unterschriften gegen eine Ausstellung des Aktionisten Hermann Nitsch ("Nicht jeder Mist darf automatisch zur Kunst erhoben werden!"). Und weil dem Dichter H. C. Artmann die Steuernachforderung für eine ursprünglich steuerfreie Ehrenpension ausbezahlt wurde (in D-Mark: 45 000), spricht Jörg Haider 1995 von einem "unfaßbaren Privilegienskandal". Die Liste ließe sich lange ausdehnen.

Die Methode liegt in der Gleichsetzung von subventionierten (oder auch nicht subventionierten, so genau nahm es die FPÖ da nie) Kunstschaffenden mit "Staatskünstlern" und im öffentlichen Breittreten von gegen die FPÖ gerichteten Aktionen und Äußerungen (im Parteisprech als "linker Tugendterror" bezeichnet). Zwischen Staat und Kunst, so will es die freiheitliche Schule der Demagogie, bestünde ein unmittelbarer Zusammenhang: Gefördert werde nicht der Künstler, sondern sein Kampf gegen Haider; die Sozialdemokraten (von den Freiheitlichen hartnäckig Sozialisten genannt) verwirklichten ihre "Ideologie" durch die Köpfe der Künstler. Der Kampf, so Haider in seiner Fibel "Die Freiheit, die ich meine", müsse auch um die "kulturelle Hegemonie" geführt werden.

Frage der Freiheitlichen an alle Wiener Haushalte: "Sind Sie dafür, daß Kunstminister Scholten und Kulturstadträtin Pasterk die Bevölkerung auch in Zukunft mit einseitigem linken Kulturverständnis aus Steuermitteln zwangsbeglücken?" Ja oder Nein, bitte ankreuzen und einsenden.

Auf diese Weise malt die FPÖ ein Künstlerbild, das in die Partei-Rhetorik von "Sozialschmarotzern" und "Privilegienrittern" nahtlos hineinpaßt. Darin liegt die eigentliche Perfidie des Plakats: daß Namen zu Polit-Chiffren geworden sind, Chiffren für ein verkommenes Land, das der Patriot Haider zu retten sich nun anschickt.

Wahlkampfauftakt der FPÖ in der Wiener Stadthalle, einem Denkmal fortschrittlicher sozialistischer Baupolitik der sechziger Jahre. Wien wird an diesem Montag von einer Schneekatastrophe heimgesucht. Im Halleninneren blaue Jörg-Schals, blaue Jörg-Eiskratzer, Jörg-Kochlöffel. Zuerst spielt die Blaskapelle, dann erklingt Vivaldi ("Vier Jahreszeiten"). Fünfzehnhundert - Paare, Kinder, Veteranen - wollen nur das eine: IHN sehen. IHM verzeiht man auch eine Verspätung. Für IHN duldet man auch die blasse Vorstellung einer Handvoll lebloser freiheitlicher Parlamentarier, die sich stumm auf der Bühne auffädeln. Ein Großbildvideo zeigt Jörg Haider, im Walde grübelnd, Zeigefinger unter der Nase, slow motion. Sein Tonfall ist sarkastisch-betroffen. Die Botschaft: Es ist alles sehr schwer jetzt. Aber, Conclusio, aufblickend: "Wir schaffen es, wenn wir wollen. Für unsere Heimat. Für unsere Kinder. Für uns Österreicher."

Der leibhaftige Jörg Haider im sportlichen Cordanzug ist um einiges quicker. In seiner neunzigminütigen Rede zielt er auf ein Comedy-erfahrenes Publikum. Sein Auftritt widerlegt das von Kabarettisten gerne verbreitete Lamento, das Kabarett würde von der Politik im nachhinein immer überboten: Ein Stichwort, ein Name genügt, schon wird gelacht, geklatscht, gebuht. Die Pointe ist nur noch Draufgabe.

Auch Haiders "Kulturarbeit" trägt so Früchte: Schaut's den Peymann, schaut's den Mortier, schaut's die Österreichbeschimpfer und ihre fetten Pfründen! Drohgebärden inklusive: Wenn er, Haider, die "volle Verantwortung in Österreich" übernehme, "dann drehen wir es einmal um: Wir drehen ihnen den Geldhahn ab und werden sehen, wie lange sie noch schimpfen." Jubel in der Stadthalle.

In seltsam unangemessener Ausführlichkeit widmet sich Haiders Wahlkampfrede auch dem in der Zeitschrift Transit erschienenen Aufsatz des Schriftstellers und Essayisten Robert Menasse "Ein verrücktes Land".

Österreich, meint Menasse dort, erlebe - auch kraft der Oppositionsstärke der FPÖ - eine "ungeliebte Normalisierung". Diese sei aber von der kritischen Intelligenz nicht als Chance begriffen worden, sondern habe sie vielmehr verschreckt und hysterisiert. "Heute wird man in Österreich von Freunden angerufen, die einem nahelegen, sich mit kritischen Aussagen im Moment zurückzuhalten, weil sie nur Wasser auf Haiders Mühlen wären." In Haiders Logik heißt das: "Ganz eine interessante Sache: Man darf also lügen, wenn's gegen die FPÖ geht."

Der wunde Punkt, den Menasse tatsächlich getroffen hat, berührt das Selbstverständnis österreichischer Intellektueller. Allzuoft haben die Haider-Mahner übers Ziel hinausgeschossen, lockere Vergleiche zwischen der FPÖ und den Nationalsozialisten angestellt oder mit solchen Vergleichen kokettiert. Publicity wurde selbst den Öffentlichkeitsscheusten vor allem dann zuteil, wenn das wöchentlich in wohligem Haider-Schauer erbebende Infotainment-Magazin News ihnen flotte Statements zur braunen Gefahr entlockte.

Es war kein Zufall, daß Haider, aus Elfriede Jelineks "Die Kinder der Toten" zitierend, in Wahrheit eine verzerrende Roman-Zusammenfassung der News-Redaktion vortrug. (Was zwei Leserbriefe nachher richtigstellten, einer von Jelinek, einer von ihrem Mann.) Haider bezieht sein Wissen über die Kulturszene hauptsächlich aus News, mehr noch: Für seine Schläge gegen die Künstler ist News sein verläßlichster Lieferant. Sei es, weil darin der Regisseur Jérôme Savary Haider für gefängnisreif befand, sei es, weil Gerhard Roth ein Fast-Attentat auf einen Haider-ähnlichen "Hoffnungsmann" in seinem Roman "Die See" zum Politikum empordeutelte, sei es, weil in dieser Zeitung Künstler bevorzugt ihre Auswanderungspläne im Kanzler-Haider-Falle bekanntgeben - der Unterhaltungswert im Haider-Kabarett ist enorm.

Zum Beispiel Gerhard Roth. Acht Jahre lang hat der in Wien und Graz lebende Autor in den hintersten österreichischen Provinzen den siebenteiligen Roman-Zyklus "Die Archive des Schweigens" recherchiert, penible Protokolle über ein Land im Dunkel seiner Geschichte. Jetzt sitzt Roth, ein aufrechter Antifaschist, der das Verhältnis zu seinem NSDAP-treuen Vater geordnet hat, vor den Splittern seines Haider-Scherbengerichts: von der FPÖ gejagt, von den Intellektuellen heftig kritisiert.

Roth ist ein Warner, kein Diskutant. Der "freie intellektuelle Disput", meint er, sei nicht am Platze, nicht in dieser politisch bedrohlichen Situation. Er stellt eine rhetorische Frage: Wo waren seine Kollegen 1986, als Jörg Haider sich an die Spitze einer Fünfprozentpartei setzte? Er aber sei auch damals für seine düsteren Prognosen verspottet worden. Aus Gerhard Roth spricht verletzter Kinderglaube: "Unsere Arbeit hat Haider markiert. Keiner kann mehr sagen, er kenne ihn nicht." Er müsse in letzter Zeit oft an den österreichischen Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter denken, der auch den Kopf nicht eingezogen habe. "Haider will die vier, fünf Hauptargumentierer eliminieren."

Nächsten September werden - Ironie der Geschichte? - zwei Männer ein zehnjähriges Jubiläum feiern: Jörg Haider als Parteiobmann der FPÖ und Claus Peymann als Direktor des Wiener Burgtheaters. Ihre Haltungen bestimmen einen Streit, in dem eigentlich schon alles gesagt war, bevor er angefangen hat. In seiner Amtsantrittsrede am 13. September 1986 wetterte Jörg Haider gegen Thomas Bernhard: "Wir dulden keine Österreich-Beschimpfung!" Im selben Monat eröffnete Claus Peymann mit Thomas Bernhard das Burgtheater. Der Rest ist Stillstand. Der Rest sind periodisch auftretende neue Höhepunkte des Gruselns, der Erregung. Der Rest ist eine Allianz von Verächtern und Verfechtern, die sich den Markt "Kulturkampf" gleichmäßig aufteilt: in Haider-Hui und Haider-Pfui. So kommt es, daß dazwischen nicht einmal die klassischen konservativen Kulturkämpfer mehr Platz finden.

Der Journalist Hans Haider etwa (mit dem Politiker weder verwandt noch verschwägert). In der konservativen Tageszeitung Die Presse betreibt er das Werk der kulturellen Gegenreformation. Mit buchhalterischem Ingrimm ringt er um die Definition einer "Kulturpartie", von der einer die andere an der Macht halte: Scholten, Peymann, Turrini, Pasterk . . . Einmal kam er gar zu dem Schluß, die SPÖ-Kulturpolitik kopierte "ein stalinistisches Modell der Kunstkontrolle". Und hinsichtlich der Destruktion bürgerlicher Tabus sei das "engstverzahnte, teuerste Kulturaggregat westlich von Peking und Pjöngjang die subtilste Entevangelisierungskampagne in Österreich seit dem 12. März 1938", Hitlers Einmarsch also. Auch diese Zitate kann Jörg Haider mittlerweile mal besser, mal schlechter auswendig.

Hans Haider, ein verquerer Schelm mit einer enttäuschten Liebe zum guten alten Sozialismus, stört das nicht: "Ich lache mir ins Fäustchen." Wie das? "Weil ich in allem recht behalten habe. Der Kulturkampf ist geschlagen, aber es ist ein Pyrrhussieg der Kulturpartie." Aber zieht nicht Jörg Haider ihm den Teppich unter den Füßen weg? "Dieser Mann ist natürlich eine Katastrophe." Wenn Hans recht behalten hat, dann in Jörgs Unrecht.

Oder Franz Morak. Auch der Neoabgeordnete der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), Rocksänger im Ruhestand, Burgschauspieler in Urlaub und einst unter Theaterdonner zurückgetretener Ensemblesprecher, gilt als leidenschaftlicher Opponent der "linken Kulturschickeria". Auch er sieht sich nun von zwei Seiten überrollt. Von den Schickis, die ihn nicht einmal zum Solidaritätsfest für H. C. Artmann eingeladen haben. Von Jörg Haider, der ihm seinen Burgtheater-Kandidaten Klaus Maria Brandauer weggeschnappt hat, indem er ihn einfach vorschlug. Morak: "Damit ist der Kandidat Brandauer natürlich mausetot." Rot und Blau, greint der Schauspieler, "bilden eine Koalition, die sich gegenseitig bedient."

Im Land des "Mister 22,6 Prozent" ist alles in der schändlichsten Verwirrung. Ein jeder Öffentlichkeitsmensch fühlt sich mißverstanden. Ein jeder will für sich und seine Zunft nur das Beste und heraus kommt: Streit. Gift.

Robert Menasse, unterwegs auf Lesereise durch Deutschland, sagt: "Es ist eine Katastrophe passiert." Welche? "Das Bild, das der gute aufgeklärte Deutsche mit Brille und Bart von Österreich hat, ist falsch." Wieso? "Unter dem Begriff ,Kulturkampf' wird verstanden, daß eine Handvoll Aufrechter gegen die drohende faschistische Gefahr kämpft." Aber? "Es sind zwei wechselseitig sich diffamierende und provozierende Parteien. Warum die eine gut sein soll und die andere böse, ist mir so unmittelbar nicht einsichtig."

Der aus einer alten Wiener jüdischen Familie stammende Menasse ist es auch müde, "dauernd betonen zu müssen, daß ich ein politischer Gegner Haiders bin. Ich fühle mich aber nicht durch ihn bedroht. Wir wissen, daß er dreißig Prozent der Stimmen bekommen kann und müssen aufpassen, daß er nicht an die Macht kommt. Und wenn doch, werde ich statt auszuwandern mit meinen Mitteln kämpfen, daß er dort nicht lange bleibt."

Die freundlichste Erklärung, die Gerhard Roth für die Kritik an seiner Haider-Kritik finden will, ist die: "Die Großväter sollen von den Vätern aufs Abstellgleis geschoben werden. Das wäre mir auch sympathisch, würde diese Bewegung nicht verdächtig synchron mit der Haider-Bewegung laufen."

Vielleicht ist es aber auch so: Jüngere haben gelernt, mit feinerer Klinge zu fechten, die Schwerthiebe der alten Haudegen sind ihre Sache nicht. Nicht auf der Bühne der Agitation, nicht am Schreibtisch, nicht auf dem Theater.

Der Kabarettist Josef Hader kann davon ein Lied singen. Es geht so (nach einem Gebell von Tom Waits): "Ihr wollt's gern hören: Der Untergang ist nah / Und: Der Faschismus ist schon wieder da / Ihr wollt's gern hören: Leutln, werdt's gscheiter / Ihr wollt's gern hören: So geht's nimmer weiter / Ihr wollt's gern hören: Bös ist der Haider / Ich sag Euch nur: So ist es leider." Refrain: "Alles, was mir z'blöd is zum Reden, darüber red i heut net (Euch werd i's geben) / Alles, was mir z'blöd is zum Reden, darüber red i heut net." Hammond-Solo.

Als Josef Hader begonnen hat, war Kabarett Welterklärung, Politgeplänkel. Heute ist sein Synonym Josef Hader, der das Billigkabarett kunstvoll vernichtet hat. Wer immer Hader als abgeschmackten Entertainer in "Bunter Abend" gesehen hat, kann über Haiders Wahl-Zirkus nur lachen. Wählen kann er die FPÖ nicht mehr.

Hader über Haider: "Sein Verhältnis zu den Künstlern ist ein rein berufsmäßiges, wie das eines Fleischhauers zu einem gut durchzogenen Rindsstück. Die Künstler sind ihm ein Gegenstand der Verwertung wie die Beamten, in die man alles bequem projizieren kann, was schlimm ist an diesem Land, wobei die Künstler den Vorteil haben, einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil auszumachen." Ende der Ansage.

Diese Woche wird Josef Hader zum Obmann der tatkräftigen Organisation "SOS Mitmensch" gewählt, die sich als Gegeninitiative zu Jörg Haiders Ausländer-Volksbegehren formierte und der FPÖ seither ein Kaktus-Dorn im Auge ist. Und ist das nicht ein schöner Schlußbeginn? Der Pragmatiker, er lebe hoch! Don't cry, work.

Nachspiel vis-a-vis vom Theater. Im Café Landtmann sortieren die Ober die Zeitungen vom Tag. Der Standard titelt auf Seite eins: "Ensemblesprecher trat zurück - Harte Vorwürfe gegen Burg-Chef Claus Peymann - Dem Publikum Karten für bereits verschobene Premiere verkauft". Wenn das der Ober Gottvater steckt! Wenn das der Peymann erfährt, was der Haider dann sagt! Aber das ist eine andere, nein, das ist die gleiche Geschichte noch mal von vorn.